Fröhlich am Freitag: Es gibt nur eine Sünde - Feigheit
Crysis 2 erscheint Ende März - und hat derzeit nicht einmal theoretische Chancen, den Deutschen Computerspielpreis 2012 abzuräumen.
"Fröhlich am Freitag" ist die (fast regelmäßige) Kolumne von PC-Games-Chefredakteurin Petra Fröhlich.
Was mussten sich die Veranstalter des Deutschen Computerspielpreises im vergangenen Jahr nicht alles anhören: Als "Deutscher Comedy-Preis" wurde die Veranstaltung im Berliner Congress-Centrum verspottet – man durfte mit dem Sieger in der Kategorie "Bestes internationales Spiel" fast ein bisschen Mitleid haben, auch wenn sich die Anno-Schöpfer des Mainzer Studios Related Designs und Publisher Ubisoft um Haltung bemühten. Denn beide waren aufgerufen, sich wahnsinnig über den kaum für möglich gehaltenen Sieg in der Kategorie "Bestes internationales Spiel" für "Dawn of Discovery" zu freuen – und dahinter verbarg sich wiederum die englischsprachige Version von Anno 1404. Die Hauptjury befand die drei nominierten Spiele als nicht würdig und hat "Dawn of Discovery" nachnominiert – somit gingen das hochdekorierte PlayStation-3-Abenteuer Uncharted 2 (USK 16) und das brillante Bioware-Rollenspiel Dragon Age: Origins ("Keine Jugendfreigabe") leer aus.
Eine solche Entscheidung wirft Fragen auf. Kritische Fragen.
Für den Bundesverband der Spieleentwickler (GAME) war es offensichtlich, dass "die politischen Vertreter in der Jury hier aus völlig überzogener Angst vor USK 18/USK 16-Ratings reflexartig eine Auszeichnung abgelehnt haben."
Da war er also, der gar schreckliche Verdacht: Der amtliche Deutsche Computerspielpreis klammert Erwachsenenspiele aus, selbst für das harmlose Uncharted 2 hat's nicht gereicht. Dementsprechend vernichtend fiel das Echo aus – bei den Gamern ohnehin, aber auch in Nachrichtenmagazinen, Zeitungen, Zeitschriften. Der Stern sprach von der "verspielten Chance", derwesten.de nannte es "Eine Farce", Spiegel Online zog das Fazit: "Deutschland feiert Kinderspiele".
Stets findet Überraschung statt, wo man's nicht erwartet hat: Ubisoft holt sich den Deutschen Computerspielpreis 2010 für das "Beste Internationale Spiel" ab. Gewonnen hat "Dawn of Discovery", besser bekannt als Anno 1404.
Ein Sieger, (zu) viele Verlierer.
Die Debatte über das Prozedere überlagerte leider Gottes auch die Freude der anderen Preisträger. Allen war klar: Soll dieser hübsche, glamouröse, hochdotierte, mühsam im Bundestag durchgeboxte Preis überleben, muss sich etwas ändern. Dringend. Die hochnotpeinliche Situation des Jahres 2010 sollte sich nicht wiederholen.
Nun, wie kommt man überhaupt aus der misslichen Lage raus?
Möglichkeit 1: Man beschränkt sich bewusst auf Spiele, die sich an Kinder und Jugendliche richten. Kann man machen. Ist auch nicht schlimm. Es gibt hinreichend Prädikate und Trophäen, bei denen ausschließlich die Qualität und nicht zusätzlich die USK-Freigabe entscheidend ist. Und es gibt Awards, da zählt der kommerzielle Erfolg, ähnlich den Goldenen Schallplatten. Der Deutsche Computerspielpreis verfolgt bekanntlich das edle Ansinnen, kulturell und/oder pädagogisch wertvolle Spiele zu prämieren und zu fördern. Dabei geht es um eine Menge Geld: Allein in diesem Jahr werden fast 400.000 Euro ausgeschüttet.
Möglichkeit 2: Man akzeptiert zähneknirschend, dass – wenn's dumm läuft – auch ein deftiges Rollenspiel oder ein schlimmer Shooter gewinnt.
Tor 1 oder Tor 2? Sie werden es erraten: Bundesregierung und Spieleindustrie haben sich für Tor 3 entschieden.
2010 fand die Verleihung des Deutschen Computerspielpreises im Berliner Congress-Centrum statt; 2011 ist der Schauplatz das Haus der Kunst in München.
Denn die Kategorie "Bestes internationales Spiel" ist seit diesem Mittwoch ganz offiziell nicht mehr Teil des Deutschen Computerspielpreises. Stattdessen wird im Anschluss an die Show eine gezippte Kompaktausgabe des LARA-Awards angedockt, der bislang von einem Händlermagazin vergeben wurde. Dieser Preis wird in der bisherigen Form abgeschafft und würdigt künftig die besten nicht-deutschen PC- und Konsolen-Spiele. Die Entscheidung über den Stellenwert der Battlefields, Call of Dutys, Witchers, Assassin's Creeds, Mass Effects und Red Dead Redemptions hat man also kurzerhand delegiert. Die Ironie der Geschichte: Damit müssen sich jetzt ausgerechnet jene Journalisten herumschlagen, die noch vor einem Jahr von "Etikettenschwindel" und einer "Farce" schrieben. Denn die sitzen in der LARA-Jury, zusammen mit Bundestagsabgeordneten, Pädagogen und Wissenschaftlern. Man darf gespannt sein, wie mutig in diesem Jahr die Wahl ausfällt.
Hurra - Problem also gelöst?
Nicht im Geringsten. Denn für Spiele aus deutschen Landen hat sich die Ausgangssituation überhaupt nicht geändert, wie Spiegel Online unter der Überschrift "Computerspielpreis umgeht die Gewaltfrage" zurecht schreibt.
Schauspieler Matthias Schweighöfer verlieh 2010 den Deutschen Computerspielpreis an "Captain Sharky", das in der Kategorie "Kinderspiel" abräumte.
Fakt ist: Ein Crysis 2 hätte den Deutschen Computerspielpreis weder im Jahr 2009 noch im Jahr 2010 noch im Jahr 2011 gewinnen können. Crytek hätte den Shooter nicht mal einreichen dürfen. Warum? Weil es für Erwachsenenspiele keine Kategorie gab und gibt. Korrigieren Sie mich, aber Crysis 2 ist nach unseren gründlichen Recherchen weder ein Kandidat für die Kategorie "Kinderspiel" noch für "Jugendspiel", "Mobiles Spiel", "Serious Game" oder Browserspiel. Und als Einreichung in der Disziplin "Bestes Schüler- oder Studentenkonzept" täte man Crytek doch etwas Unrecht. Den Hauptpreis als "Bestes deutsches Spiel" kann zur Stunde nur jener Titel abräumen, der in einer der anderen Disziplinen nominiert wurde.
In den Regularien ist der Ernstfall, die Kernschmelze, kurzum: der Super-GAU ("OMG, ein 18er!!!!") schlicht nicht vorgesehen.
Wie Crysis 2 im PC-Games-Test abschneidet, dürfen wir noch nicht verraten. Aber natürlich ist es DAS Spiel, das den Menschen derzeit als erstes in den Sinn kommt, wenn es um "Games Made in Germany" geht. Und ausgerechnet so ein Spiel soll beim Deutschen Computerspielpreis 2012 komplett außen vor bleiben?
Überraschend wäre das nicht. Wie hat es die Stellvertretende CSU-Generalsekretärin Dorothee Bär (übrigens Mitveranstalterin der Politiker-LAN im Bundestag) so schön auf den Punkt gebracht: "Ein Film wie "Inglorious Basterds" bekommt einen Oscar, ein Spiel, das ähnliche Gewalt zeigt, landet auf dem Index." Quentin Tarantinos Nazi-Gekloppe wurde laut spiegel.de übrigens mit fast sieben Mllionen Euro aus dem Deutschen Film-Förderfonds des Kulturstaatsministers subventioniert.
Wenn in rund vier Wochen der Deutsche Computerspielpreis 2011 in München verliehen wird, kommen die Veranstalter nochmal mit einem veilchenblauen Auge davon, weil im Jahr 2010 kein in Deutschland entwickeltes USK-16/18-Computerspiel erschienen ist. Im nächsten Jahr müssen die Ausrichter endgültig Farbe bekennen. Hopp oder topp.
Es gibt nur eine Sünde – Feigheit. Eine Jugendsünde reicht.
Ich wünsche Ihnen ein preisverdächtiges Wochenende und freue mich auf Ihre Beiträge
Petra Fröhlich
Anmerkung: Die Autorin ist auch in diesem Jahr Mitglied der 35köpfigen Jury des Deutschen Computerspielpreises und hat in diesem Zusammenhang eine Vertraulichkeitsvereinbarung unterzeichnet. Das gilt allerdings nur für die Jury-Sitzungen und Unterlagen, nicht aber für ihre Meinung als Journalistin.
Bisherige Folgen von "Fröhlich am Freitag" (Auswahl):
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Keine Wertung, keine Eier

