Metro 2033: Launchtrailer mit Filmmusik und Spielszenen
Metro 2033: Leserprobe aus der Roman-Vorlage von Jungautoren Dmitry Glukhovksy
DIE REISE BEGINNT ...
Wer war das? Artjom, sieh nach!" - Unwillig erhob sich
Artjom von seinem Platz beim Feuer, rückte sein Sturmgewehr
nach vorne und ging auf die Dunkelheit zu. Am äußersten
Rand des beleuchteten Bereiches blieb er stehen, entsicherte
geräuschvoll und rief heiser: "Stehen bleiben! Parole!"
Eine Minute zuvor hatten sie aus dem Dunkel ein seltsames
Rascheln und dumpfes Murmeln vernommen. Nun hörte man
eilig trippelnde Schritte. Jemand zog sich in die Tiefe des Tunnels
zurück, aufgeschreckt von Artjoms krächzender Stimme
und dem Klicken der Waffe. Hastig kehrte Artjom zum Feuer
zurück und rief Pjotr Andrejewitsch zu: "Ist einfach so abgehauen,
ohne sich zu erkennen zu geben."
"Schlafmütze! Du kennst doch den Befehl: Wenn einer nicht
antwortet, sofort schießen! Woher willst du wissen, wer das
war? Vielleicht sind die Schwarzen im Anmarsch!"
"Nein, ich glaube, das war kein Mensch ... Diese Geräusche
... Und diese seltsamen Schritte. Ich werde ja wohl noch
die Schritte eines Menschen erkennen? Sie wissen doch selbst,
Pjotr Andrejewitsch, die Schwarzen stürmen ohne Vorwarnung
heran - neulich haben sie einen Posten mit bloßen
Händen überfallen, aufrecht sind sie auf das MG-Feuer zugegangen.
Aber der hier hat sofort Fersengeld gegeben ... Wahrscheinlich
ein verängstigtes Tier."
"Na schön, Artjom! Bist mal wieder ein ganz Schlauer. Aber
wenn du Anweisungen hast, halte dich gefälligst daran und
überleg nicht lange. Vielleicht war es ein Kundschafter. Hat
gesehen, dass wir nur wenige sind, leicht zu überrumpeln ...
Am Ende machen die uns alle kalt, jedem ein Messer in den
Hals, und dann massakrieren sie die ganze Station, so wie bei
der Poleschajewskaja, und das nur, weil du das Schwein nicht
rechtzeitig umgelegt hast ... Pass bloß auf! Nächstes Mal schick
ich dich durch den Tunnel hinterher!"
Artjom schauderte. Er stellte sich den Tunnel vor, jenseits
der 700-Meter-Grenze. Schon der Gedanke war furchterregend.
Weiter als 700 Meter nach Norden wagte sich keiner
raus. Die Patrouillen fuhren mit der Draisine bis Meter 500,
leuchteten den Grenzpfosten mit dem Projektor an, und sobald
sie sich überzeugt hatten, dass nichts Abartiges dahergekrochen
kam, machten sie schleunigst kehrt. Selbst die Aufklärer - gestandene
Männer, ehemalige Marineinfanteristen - blieben bei
Meter 680 stehen, verdeckten die Glut ihrer Zigaretten mit der
Hand und starrten durch ihre Nachtsichtgeräte. Dann zogen
sie sich zurück, langsam, leise, ohne den Tunnel aus den Augen
zu lassen oder ihm gar den Rücken zuzukehren.
Der Wachposten, an dem sie standen, befand sich bei Meter
450, etwa fünfzig Meter vom Grenzpfosten entfernt. Die Grenzkontrolle
erfolgte einmal pro Tag, und die letzte Begehung war
bereits einige Stunden her. Sie waren jetzt also auf dem äußersten
Posten, und seit der letzten Kontrolle hatten sich die Kreaturen,
die die Patrouille vielleicht noch abgeschreckt hatte, bestimmt
genähert. Es zog sie zum Feuer, zu den Menschen.
Artjom setzte sich und fragte: "Wie war das denn an der
Poleschajewskaja?"
Eigentlich kannte er diese Geschichte, bei der einem das
Blut in den Adern gefror, bereits. Fahrende Händler hatten an
seiner Station davon berichtet. Dennoch reizte es ihn, sie noch
einmal zu hören, so wie Kinder es lieben, wenn man ihnen
schaurige Märchen von kopflosen Mutanten erzählt oder von
Vampiren, die kleine Babys entführen.
"An der Poleschajewskaja? Hast du das noch nicht gehört?
Eine seltsame Geschichte war das. Seltsam und schrecklich.
Zuerst verschwanden ihre Aufklärungstrupps, einer nach dem
anderen. Gingen in die Tunnel und kehrten nicht mehr wieder.
Die Aufklärer dort sind zwar Stümper, nicht so wie unsere,
aber ihre Station ist ja auch kleiner, und es leben nicht so viele
Menschen dort. Besser gesagt, lebten. Jedenfalls verschwanden
die plötzlich. Ein Trupp marschierte los - und weg war er. Zuerst
dachte man, sie sind aufgehalten worden, der Tunnel macht
bei denen ja auch so Schleifen wie bei uns" - Artjom wurde
unheimlich bei dem Gedanken - "und weder von den Wachposten
noch von der Station aus ist was zu sehen, da kannst du
leuchten, so viel du willst. Auf jeden Fall ist der Trupp weg,
einfach so, eine halbe Stunde, eine, zwei Stunden. Nur: Wohin
konnten sie denn verschwinden? Die waren doch höchstens
einen Kilometer entfernt, weiter hatte man ihnen verboten,
und es waren ja keine Idioten. Schließlich schickte man einen
Such trupp hinterher. Die suchten lange herum und riefen -
alles umsonst. Verschwunden. Dass keiner was gesehen hatte,
war ja noch normal. Das wirklich Schreckliche war: Niemand
hatte auch nur irgendwas gehört - keinen Laut. Und Spuren
gab es auch nicht."
Artjom bereute es bereits, dass er Pjotr Andrejewitsch zum
Erzählen aufgefordert hatte. Denn der war entweder besser informiert
oder hatte eine blühende Fantasie, jedenfalls wusste er
viel mehr Einzelheiten zu berichten als die fahrenden Händler,
die eigentlich berüchtigt waren für ihre leidenschaftliche Fabulierkunst.
Artjom lief eine Gänsehaut über den Rücken, am
Feuer wurde es ungemütlich, selbst das harmloseste Rascheln
im Tunnel strapazierte seine Nerven.
"Na ja, also dachten sie erst mal, dass die Aufklärer wahrscheinlich
einfach abgehauen waren - vielleicht waren sie
unzufrieden gewesen und hatten sich deshalb vom Acker
gemacht. Zum Henker mit ihnen! Wenn sie unbedingt ein
leichtes Leben wollen, sollen sie doch mit all dem Abschaum
rumhängen, den ganzen Anarchisten und so. Diese Vorstellung
war jedenfalls leichter zu ertragen. Aber nach einer Woche
verschwand noch ein weiteres Aufklärungsteam. Dabei durften
sie nicht weiter als einen halben Kilometer von der Station
weg. Und wieder dieselbe Geschichte: Kein Mucks und keine
Spur. Wie vom Erdboden verschluckt. Jetzt wurden die an der
Station unruhig. Wenn innerhalb einer Woche zwei Trupps
verschwinden, ist irgendwas nicht in Ordnung. Da muss man
was unternehmen. Maßnahmen ergreifen und so. Also haben
sie bei Meter 300 eine Sperre aufgebaut. Sandsäcke rangeschleppt,
ein Maschinengewehr aufgestellt, einen Scheinwerfer
- nach allen Regeln der Befestigungskunst. Zur Begowaja
schickten sie einen Eilboten - die sind ja in einer Konföderation
mit der Uliza 1905 goda. Früher war Oktjabrskoje pole noch
dabei, aber dann passierte da irgendwas, keiner weiß genau
was, irgendein Unfall, jedenfalls wurde sie unbewohnbar, die
Leute flüchteten von dort - aber das spielt jetzt keine Rolle. Sie
schickten also jemanden zur Begowaja, zur Warnung, nach dem
Motto: Da ist irgendwas im Busch, und ob sie im Notfall helfen
würden. Der erste Bote war noch gar nicht richtig angekommen,
nicht mal ein ganzer Tag war vergangen - die von der
Begowaja dachten noch über die Antwort nach -, da kommt
schon ein zweiter, schweißnass, und berichtet: Die gesamte Besatzung
des Außenpostens ist tot, nicht mal einen Schuss konnten
sie abgeben. Alle erstochen. Das Unheimliche dabei: Es
war, als hätte man sie alle im Schlaf erwischt! Aber wie konnten
sie so einfach einschlafen, nach allem, was schon passiert war,
ganz abgesehen von ihren Ins truktionen? Die von der Begowaja
haben sofort kapiert, dass sie was unternehmen mussten, damit
ihnen nicht dasselbe blüht. Also haben sie einen Stoßtrupp aus
Veteranen gebildet - gut hundert Mann, MGs, Granatwerfer.
Natürlich dauerte das einige Zeit, anderthalb Tage, aber schließlich
schickten sie ihn los. Doch als die bei der Poleschajewskaja
ankamen, gab es dort keine lebende Seele mehr. Auch keine
Leichen - nur Blut überall. So war das. Der Teufel weiß, wer
das angerichtet hat. Ich für meinen Teil glaube nicht, dass Menschen
zu so was überhaupt fähig sind."
"Und was ist aus der Begowaja geworden?", fragte Artjom mit
belegter Stimme.
"Nichts. Nachdem sie die ganze Chose gesehen hatten, jagten
sie den Tunnel, der zur Poleschajewskaja führte, in die Luft.
Jetzt ist er, hab ich gehört, auf gut vierzig Metern Länge zugeschüttet,
das kriegst du ohne Maschinen nicht weg. Und woher
willst du die nehmen? Die rosten doch schon seit fünfzehn
Jahren vor sich hin ..." Pjotr Andrejewitsch schwieg und blickte
ins Feuer.
Artjom räusperte sich. "Tja ... Natürlich hätte ich schießen
sollen ... Was bin ich bloß für ein Idiot gewesen!"
Aus südlicher Richtung, von der Station her, hörten sie jemanden
rufen: "He, ihr da, Meter 450! Alles in Ordnung bei
euch?"
Pjotr Andrejewitsch formte ein Sprachrohr mit seinen Händen
und rief zurück: "Kommt her! Es gibt was zu bereden!"
Durch den Tunnel, den Weg von der Station mit Taschenlampen
ausleuchtend, näherten sich ihnen drei Gestalten, Wachleute
von Meter 300. Als sie beim Feuer ankamen, löschten sie
ihre Lampen und setzten sich neben sie.
"Pjotr, bist du das? Ich hab mich schon gefragt, wen sie wohl
heute an den Rand der Welt geschickt haben", sagte der Ranghöchste
der drei, ein Mann namens Andrej, lächelnd und klopfte
sich eine Papirossa aus dem Päckchen.
"Hör mal, Andrjucha! Der Junge hier hat was Auffälliges
bemerkt. Hat's nur nicht geschafft zu schießen. Es hat sich im
Tunnel versteckt. Er glaubt, es war kein Mensch."
"Kein Mensch? Was denn dann?", fragte Andrej Artjom.
"Ich konnte es nicht sehen. Als ich nach der Parole fragte,
hat es sich sofort davongemacht, nach Norden. Aber
seine Schritte waren nicht die eines Menschen - zu leicht
und zu schnell, als hätte es nicht zwei, sondern vier Beine gehabt
..."
"Oder drei!", entgegnete Andrej augenzwinkernd und zog
eine furchterregende Grimasse.
Artjom musste plötzlich husten, denn ihm fielen die Geschichten
von den dreibeinigen Menschen an der Filjowskaja-
Linie ein. Dort befand sich ein Teil der Stationen an der Oberfläche,
und der Tunnel verlief in geringer Tiefe, sodass er
praktisch keinen Schutz vor der Strahlung bot. Von dieser Linie
drangen lauter dreibeinige, zweiköpfige und sonstige Missgeburten
in das Netz der Metro ein.
Andrej zog an seiner Papirossa und sagte zu seinen Leuten:
"Na gut, Jungs, wenn wir schon mal da sind, warum sollen wir
nicht eine Weile hier sitzen bleiben? Und falls wieder irgendwelche
Dreibeiner ankommen, helfen wir. He, Artjom! Habt
ihr einen Teekocher?"
Pjotr Andrejewitsch stand selbst auf, goss aus einem Kanister
Wasser in eine zerbeulte, völlig verrußte Kanne und hängte sie
über das Feuer. Ein paar Minuten später fing sie an zu dampfen
und zu pfeifen, und dieses vertraute Geräusch beruhigte Artjom
etwas. Er musterte die Menschen, die um das Feuer saßen:
alles kräftige Männer, gestählt von dem harten Leben hier.
Ihnen konnte man glauben, sich auf sie verlassen. Ihre Station
hatte schon immer als eine der wohlhabendsten der ganzen
Linie gegolten - und das nur, weil es dort Menschen wie diese
gab. Sie hatten ein tief empfundenes, fast brüderliches Verhältnis
zueinander.
Artjom war schon über zwanzig. Zur Welt gekommen war
er noch dort, oben. Aus diesem Grund war er nicht ganz so
hager und blass wie jene, die in der Metro geboren waren und
sich nie an die Oberfläche gewagt hatten, nicht nur aus Angst
vor der Strahlung, sondern auch vor der sengenden Kraft der
Sonne, die alles unterirdische Leben vernichtete. Artjom selbst
war, seit er denken konnte, nur ein einziges Mal dort oben
gewesen und auch nur für einen Augenblick - die Hintergrundstrahlung
war so hoch, dass allzu Neugierige innerhalb
weniger Stunden verbrannten, noch bevor sie sich an der wunderlichen
oberirdischen Welt sattgesehen hatten.
An seinen Vater erinnerte er sich nicht. Seine Mutter war bis
zu seinem fünften Lebensjahr bei ihm gewesen, damals, als
sie noch an der Timirjasewskaja wohnten. Sie hatten es gut, das
Leben floss gleichmäßig und ruhig dahin - bis zu dem Tag, als
die Ratten die Station stürmten.
Riesige, graue, nasse Ratten wogten eines Tages ohne Vorwarnung
durch einen der dunklen Seitentunnel heran. Dieser
Tunnel tauchte an einer unscheinbaren Abzweigung von der
nach Norden führenden Hauptstrecke tief hinab, um sich in
einem komplizierten Geflecht aus Hunderten von Korridoren,
in Labyrinthen voller Grauen, Eiseskälte und abscheulichem
Gestank zu verlieren. Der Tunnel führte ins Reich der Ratten,
einem Ort, den nicht einmal die mutigsten Abenteurer zu
betreten wagten. Selbst wenn ein Wanderer die Tunnel- und
Wegekarten falsch gelesen hatte und aus Versehen an den Rand
dieser Welt gelangte, so spürte er instinktiv die schwarze Gefahr,
die von dort ausging, und schreckte vor dem gähnenden
Loch des Eingangs zurück wie vor dem Tor einer pestbefallenen
Stadt.
Niemand hatte die Ratten aufgeschreckt. Niemand war in
ihr Reich hinabgestiegen. Niemand hatte es gewagt, ihre Grenzen
zu verletzen.
Sie waren von selbst gekommen.
Viele Menschen starben an jenem Tag, als ein Strom gigantischer
Ratten, so groß, wie sie noch nie jemand gesehen hatte,
erst die Absperrungen überwand und dann die ganze Station
überflutete. Es waren so viele, dass sie die Menschen unter sich
begruben und die Todesschreie in der Masse ihrer Körper
erstickten. Sie fraßen alles, was ihnen in den Weg kam: tote
und lebende Menschen ebenso wie erschlagene Artgenossen -
blindlings, unerbittlich, getrieben von einer unbegreiflichen
Macht, strebten sie vorwärts, weiter und weiter.
Am Leben blieben nur wenige. Nicht Frauen, Alte oder
Kinder, nicht die, die gewöhnlich als Erste gerettet werden,
sondern fünf starke Männer, die dem todbringenden Strom zu21
vorgekommen waren. Die ihm nur deshalb entrinnen konnten,
weil sie im südlichen Tunnel mit einer Draisine auf ihrem
Posten standen. Als sie die Schreie von der Station hörten,
rannte einer von ihnen los, um zu erkunden, was geschehen
war. Die Timirjasewskaja befand sich bereits im Todeskampf, als
er die Station am Ende des Streckenabschnitts erblickte. Er sah,
wie Ströme von Ratten auf den Bahnsteig schwappten, und
begriff augenblicklich, was geschehen war. Schon wollte er
wieder kehrtmachen, denn ihm war klar, dass er denen, die die
Station verteidigten, nicht würde helfen können, als ihn plötzlich
jemand von hinten am Arm packte. Er drehte sich um, und
die Frau, die ihn hartnäckig am Ärmel zog, rief, das Gesicht vor
Angst verzerrt, das vielstimmige, verzweifelte Schreien mühsam
übertönend: "Rette ihn, Soldat! Hab Mitleid!"
Er erblickte eine Kinderhand, ein paar kleine, angeschwollene
Finger, die sich ihm entgegenstreckten. Er ergriff die Hand,
ohne darüber nachzudenken, dass er jemandes Leben rettete,
sondern weil man ihn Soldat genannt und um Mitleid gebeten
hatte. Und während er das Kind hinter sich herzog, es sich
schließlich einfach unter den Arm klemmte, lief er mit den
ersten Ratten um die Wette, ein Wettlauf mit dem Tod - vorwärts,
durch den Tunnel, dorthin, wo die Draisine mit den
anderen wartete. Schon von Weitem, aus fünfzig Metern Entfernung,
rief er ihnen zu, sie sollten den Motor anlassen. Es war
die einzige motorisierte Draisine im Umkreis von zehn Stationen.
Sie fuhren los, durchquerten mit höchster Geschwindigkeit
die verlassene Dmitrowskaja, auf der sich nur ein paar Einsiedler
zusammengedrängt hatten. Im Vorbeifahren riefen sie
ihnen zu: "Lauft! Die Ratten!", doch war ihnen klar, dass jene
sich nicht mehr würden retten können. Als sie sich den Vorpos22
ten der Sawjolowskaja näherten, mit der sie damals glücklicherweise
in Frieden lebten, drosselten sie die Geschwindigkeit,
damit man sie nicht für Angreifer hielt und von weitem auf
sie schoss. Aus Leibeskräften brüllten sie den Wachen zu: "Die
Ratten! Die Ratten kommen!" Sie waren bereit, die Sawjolowskaja
hinter sich zu lassen und weiter zu fliehen, die ganze Serpuchowsko-
Timirjasewskaja-Linie entlang, immer wieder um
Durchlass flehend, solange es eben noch ein Ziel gab, wohin
sie fliehen konnten - bis die graue Lava schließlich die ganze
Metro überfluten würde.
Doch zum Glück befand sich an der Sawjolowskaja etwas, das
ihnen und der ganzen Station, ja vielleicht sogar der gesamten
Linie das Leben rettete. Kaum hatten sie den Wachleuten in
rasender Eile die drohende Todesgefahr geschildert, da machten
sich jene bereits ans Werk und enthüllten eine eindrucksvolle
Maschine: Ein Flammenwerfer, von begabten Technikern
zwar aus einzelnen Fundstücken zusammengebaut, aber äußerst
leistungsstark.
Schon waren die ersten Ratten zu sehen, und das Rascheln
und Kratzen Tausender Pfoten ertönte aus der Dunkelheit
immer lauter, da warfen die Wachleute die Maschine an und
schalteten sie erst wieder ab, als ihnen der Brennstoff ausging.
Eine orangefarbene, meterlange Flamme schoss mit Gebrüll in
den Tunnel und brannte, verbrannte Ratten, unaufhörlich,
zehn, fünfzehn, zwanzig Minuten lang. Der Tunnel füllte sich
mit dem ekligen Gestank versengten Fleisches und dem wilden
Kreischen der Ratten ... Und im Rücken der Wächter der
Sawjolowskaja, die später für ihre Heldentat auf der gesamten
Linie gerühmt wurden, kam die Draisine zum Stehen, bereit
für einen weiteren Sprung. Auf ihr befanden sich die fünf
Flüchtlinge von der Timirjasewskaja - und das Kind, das sie gerettet
hatten. Ein Junge. Artjom.
Die Ratten zogen sich zurück. Eine der letzten Erfindungen
menschlicher Kriegskunst hatte ihren blinden Willen gebrochen.
Der Mensch war schon immer ein besserer Mörder gewesen
als jedes andere Lebewesen.
Die Ratten wogten davon und kehrten in ihr Riesenreich
zurück, dessen wahre Ausmaße niemand kannte. All diese Labyrinthe
in unvorstellbarer Tiefe waren geheimnisvoll und,
wie es schien, völlig bedeutungslos für das Funktionieren der
Metro. Trotz der Beteuerungen ehemaliger Metro-Angestellten
war es kaum vorstellbar, dass diese Gebilde von ganz gewöhnlichen
Bauarbeitern errichtet worden waren.
Von diesen Leuten, die früher in der Metro gearbeitet hatten
und als echte Autoritäten galten, war kaum noch jemand übrig,
weshalb sie umso höher geschätzt wurden. Sie waren als Einzige
nicht in Panik ausgebrochen, damals, als die Menschen
plötzlich die sichere Kapsel des Zuges verlassen mussten und
sich in den dunklen Tunneln der Moskauer Untergrundbahn,
dem felsigen Schoß der Metropole, wiederfanden. Alle Bewohner
der Station brachten diesen Autoritäten größten Respekt
entgegen und erzogen ihre Kinder in diesem Sinne. Vielleicht
blieb der einzige Mann dieser Art, den Artjom je kennengelernt
hatte, ein ehemaliger Hilfszugführer, ihm gerade deshalb
für immer im Gedächtnis: ein ausgemergelter, hagerer Mann,
verkümmert durch die jahrelange Arbeit unter der Erde, in der
abgewetzten und ausgeblichenen Uniform eines Metro-Angestellten,
die schon lange ihren Schick verloren hatte, aber immer
noch mit demselben Stolz getragen wurde, mit dem ein Admiral
a. D. sich seinen Paraderock anlegt. Artjom, damals noch
ein junger Bengel, glaubte in der gebrechlichen Figur des Hilfszugführers
eine unaussprechliche Größe und Kraft zu erkennen
...
Kein Wunder: Die ehemaligen Mitarbeiter der Metro waren
für die anderen Bewohner das, was eingeborene Führer für
Teilnehmer wissenschaftlicher Dschungelexpeditionen waren.
Man glaubte ihnen aufs Wort, verließ sich vollkommen auf
sie, denn von ihrem Wissen und Können hing das Überleben
der anderen ab. Als die einheitliche Führung der Metro zerfiel,
sich dieses umfassende Zivilschutzobjekt, dieser riesige
atombombensichere Luftschutzbunker, in eine Vielzahl einzelner
Sta tio nen aufsplitterte und mangels gemeinsamer Machtstrukturen
in Chaos und Anarchie versank, übernahmen viele
von ihnen die Leitung einer Station. Die Stationen wurden
unabhängig und selbstständig. Es entstanden seltsame Zwergstaaten
mit eigenen Ideologien, Regimen, Führern und Armeen.
Sie bekriegten einander, schlossen sich zu Föderationen
und Kon föderationen zusammen. Heute noch auf stre bende
Reiche, wurden sie schon am nächsten Tag von den ehemaligen
Freunden oder Sklaven unterworfen und kolonisiert.
Kurzfristig schlossen sie Bündnisse gegen gemeinsame Gefahren,
doch sobald diese vorüber waren, fielen sie mit gleicher
Heftigkeit wieder übereinander her. Blindwütig stritten
sie sich um alles: Lebensraum, Lebensmittel - also Eiweißhefekulturen,
lichtlose Pilzplantagen, Hühnerhöfe und Schweinefarmen,
wo blasse, unterirdisch gezüchtete Schweine und schwindsüchtige
Küken mit farblosen Pilzen gemästet wurden. Und
natürlich um Wasser - das heißt, um die Filter. Die Barbaren
unter ihnen, die ihre untauglich gewordenen Filteranlagen
nicht reparieren konnten und an ihrem radioaktiv kontami25
nierten Wasser zugrunde gingen, rannten mit animalischer Wut
gegen die Bollwerke der Zivilisation an - jene Stationen, wo
Dynamomaschinen und kleine selbstgebaute Wasserkraftwerke
ordnungsgemäß funktionierten, wo die Filter regelmäßig repariert
und gereinigt wurden, wo sich, von sorgsamen Frauenhänden
gezüchtet, weiße Champignonhüte durch feuchten
Grund bohrten und die Schweine satt in ihren Koppeln grunzten.
Getrieben wurden die Menschen in diesem endlosen, verzweifelten
Kampf von ihrem Selbsterhaltungsinstinkt und dem
ewig revolutionären Prinzip: "Nimm und teile!" Die Verteidiger
der wohlhabenden Stationen, von ehemaligen Berufssoldaten
zu schlagkräftigen Verbänden ausgebildet, hielten den Angriffen
der Vandalen bis zum letzten Blutstropfen stand, gingen
zum Gegenangriff über, kämpften um jeden Meter Tunnel
zwischen den Stationen. Sie bauten militärisches Potenzial auf,
um auf Überfälle mit Strafexpeditionen reagieren zu können,
um ihre Nachbarn - sofern sie nicht in Frieden miteinander
lebten - von lebenswichtigen Abschnitten zu verdrängen, und
nicht zuletzt um dem Bösen Widerstand zu leisten, das aus
allen Löchern und Tunneln hervorkam. Jene seltsamen, missgestalteten
und gefährlichen Geschöpfe, von denen jedes einzelne
Darwin zur Verzweiflung gebracht hätte, so wenig entsprach
es den Gesetzen der Evolution. Mag sein, dass die
Strahlung aus harmlosen Vertretern der urbanen Fauna Ausgeburten
der Hölle gemacht hatte; vielleicht hatten sie aber auch
schon immer in jenen Untiefen gehaust und waren nun durch
den Menschen aufgestört worden. Und so sehr sich diese Kreaturen
von den bekannten Tierarten unterschieden, sie waren doch
ein Teil des Lebens auf der Erde. Sicherlich, ein entstellter, ver26
kommener Teil, aber doch ein Teil des Lebens. Und wie alle
Organismen auf diesem Planeten wurden sie von einem einzigen
Impuls beherrscht: zu überleben. Und zwar um jeden
Preis ...
Artjom nahm einen weiß emaillierten Becher entgegen, in
dem Tee schwappte, ihr Tee, der Tee seiner Station. Eigentlich
war es nur ein Sud aus getrockneten Pilzen mit irgendwelchen
Zusätzen, denn echten Tee gab es so gut wie nicht mehr, weshalb
man ihn nur an großen Feiertagen trank, zumal er um ein
Vielfaches teurer war als der Pilzaufguss. Trotzdem mochten
die Leute von der Station ihr Gebräu, waren stolz darauf und
nannten es "Tee". Fremde spuckten es anfangs angewidert aus,
doch dann gewöhnten sie sich daran. Bald wurde ihr Tee über
die Station hinaus bekannt, selbst fahrende Händler kamen
deshalb zu ihnen. Zuerst waren es einige wenige, die ihre Haut
dafür riskierten, doch dann verbreitete sich der Tee auf der
gesamten Linie, sogar die Hanse begann sich dafür zu interessieren,
und große Karawanen zogen nun zur WDNCh, um diesen
Zaubertrank zu erwerben. Geld begann zu fließen. Und
wo Geld ist, da sind auch Waffen, da sind Holz und Vitamine.
Da ist Leben. Der Beginn der Teeproduktion an der WDNCh
markierte den Anfang vom Aufstieg dieser Station. Von den
umliegenden Stationen und Streckenabschnitten zogen Geschäftsleute
hierher, und allmählich stellte sich Wohlstand ein.
Auch auf ihre Schweine waren die Leute von der WDNCh
stolz, ja man erzählte sich, sie seien von hier aus überhaupt erst
in die Metro gekommen: Angeblich hätten sich ganz zu Anfang
ein paar Draufgänger zur halb zerstörten Schweinezuchthalle
auf dem Messegelände durchgeschlagen und die dort verbliebenen
Tiere zur Station ge trieben.
"Hör mal, Artjom. Wie geht's Suchoj?", fragte Andrej, der
ebenfalls mit kleinen, vorsichtigen Schlucken an dem heißen
Tee nippte.
"Onkel Sascha? Alles in Ordnung. Ist erst vor kurzem von
einem Erkundungsgang mit unseren Leuten zurückgekommen.
Einer Expedition. Aber Sie wissen sicher Bescheid."
Andrej war gut fünfzehn Jahre älter als Artjom. Eigentlich
war er Aufklärer und selten näher als bei Meter 450 zu finden,
und wenn, dann nur als Kommandeur. Diesmal war er jedoch
für Meter 300 eingeteilt worden, zur Absicherung. Trotzdem
zog es ihn in die Tiefe, und er nutzte den erstbesten Vorwand,
den kleinsten Fehlalarm, um näher an die Dunkelheit zu kommen,
näher an das Geheimnis. Er liebte den Tunnel, kannte all
seine Verzweigungen. Auf der Station hingegen, unter Bauern,
Arbeitern, Kaufleuten und Verwaltungsbeamten, fühlte er sich
unwohl - wahrscheinlich, weil er dort nicht gebraucht wurde.
Er hätte sich nie überwinden können, dünne Erdschichten für
die Pilzzucht umzugraben. Oder noch schlimmer, diese Pilze
dann, bis zu den Knien im Mist stehend, an fette Schweine zu
verfüttern. Auch der Handel lag ihm nicht - schon von Kindheit
an hatte er die Krämer nicht ausstehen können. Er war
stets Soldat und Krieger gewesen, überzeugt, dass nur dieser
Beruf eines Mannes würdig war. Er war stolz, sein ganzes Leben
nichts anderes getan zu haben, als die stinkenden Bauern, die
nervösen Händler, die oft unerträglich geschäftigen Verwalter
sowie die Kinder und Frauen zu schützen. Den Frauen gefielen
seine herablassende, kraftvolle Art, seine vollkommene
Selbstsicherheit, seine Unbesorgtheit in Bezug auf sich selbst
und diejenigen, die bei ihm waren, war er doch stets in der
Lage, sie zu beschützen. Die Frauen versprachen ihm Liebe
und Geborgenheit, doch geborgen begann er sich erst ab Meter
50 zu fühlen, wenn die Lichter der Station hinter einer Kurve
verschwanden. Dorthin kamen die Frauen jedoch nicht mit ...
Offenbar hatte ihn der Tee angeregt, denn nun setzte er sein
altes, schwarzes Barett ab, wischte sich mit dem Ärmel über
den feuchten Schnurrbart und begann Artjom nach den letzten
Neuigkeiten auszufragen, den Gerüchten, die Artjoms Stiefvater
Suchoj - Onkel Sascha genannt - von seiner Expedition
mitgebracht hatte. Onkel Sascha war jener Mann, der neunzehn
Jahre zuvor an der Timirjasewskaja den kleinen Buben vor
den Ratten gerettet und später selbst dessen Erziehung übernommen
hatte, da er es nicht übers Herz brachte, ihn fortzugeben.
"Kann sein, dass ich ein bisschen was weiß", sagte Andrej,
"aber ich hör's mir gern noch ein zweites Mal an. Oder bist du
dir zu schade dazu?"
Lange musste Andrej Artjom nicht überreden. Er gab die
Geschichten seines Stiefvaters nur allzu gerne zum Besten -
schließlich würden ihm dann alle gebannt zuhören.
"Also, wohin sie gegangen sind, wisst ihr wahrscheinlich ...",
begann Artjom.
"Ich weiß nur: nach Süden. Die machen ja ein Riesengeheimnis
aus allem, eure Gesandten." Andrej grinste und zwinkerte
einem seiner Leute zu. "Sonderaufgaben der Administration,
schon klar!"
Artjom winkte ab. "Ach was, das war diesmal überhaupt
nichts Geheimes. Sie sollten einfach die Lage sondieren und
Informationen einholen - und zwar verlässliche Informationen.
Dem Geschwätz irgendwelcher Handelsreisender, die an
unserer Station haltmachen, darf man nicht glauben. Manch29
mal sind das ja Provokateure, die gezielt falsche Informationen
verbreiten."
"Händlern sollte man überhaupt nie glauben", brummte
Andrej. "Es sind habgierige Menschen. Wie will man sich da
sicher sein? Heute verkauft er deinen Tee an die Hanse und
morgen dich selbst an irgendwen, und zwar mit allem, was du
hast. Vielleicht wollen sie auch nur an unsere Informationen
ran. Ehrlich gesagt, nicht mal unseren eigenen Händlern vertraue
ich so richtig."
"Also, da liegen Sie aber falsch, Andrej Arkaditsch. Die sind
in Ordnung. Ich kenne fast alle persönlich. Ganz normale Menschen.
Sie lieben nun mal das Geld, wollen es besser haben als
andere, was erreichen."
"Sag ich doch. Sie lieben das Geld. Wollen es besser haben
als die anderen. Weißt du denn, was die tun, sobald sie im Tunnel
verschwinden? Kannst du mir garantieren, dass sie an der
nächstbesten Station nicht von irgendwelchen Agenten angeworben
werden? Kannst du das oder nicht?"
"Was für Agenten? Wem sind unsere Händler in die Hände
geraten?"
"Siehst du, Artjom! Du bist noch jung und weißt vieles
nicht. Hör mal lieber den Alten zu - wirst sehen, du lebst
länger."
"Aber irgendjemand muss diese Arbeit doch machen! Gäbe
es keine Händler, säßen wir hier ohne Munition. Mit alten
Berdanflinten würden wir Salz auf die Schwarzen feuern und
unser Teechen trinken."
"Schon gut, du Möchtegern-Ökonom ... Erzähl mir lieber,
was Suchoj dort gesehen hat. Was ist bei den Nachbarn los? An
der Alexejewskaja? Der Rischskaja?"
"An der Alexejewskaja? Nichts Neues. Die züchten weiter
ihre Pilze. Ist doch nur ein Kaff, weiter nichts. Es heißt" - Artjom
senkte die Stimme - "dass sie sich uns anschließen wollen.
Und die Rischskaja hätte auch nichts dagegen. Die kriegen
zunehmend Druck aus dem Süden. Die Stimmung ist mies.
Ständig munkelt man von irgendwelchen Gefahren, alle haben
Angst vor irgendwas, aber wovor, weiß keiner. Mal soll irgendwo
ein neues Reich entstanden sein, mal fürchten sie sich
vor der Hanse, mal ist es wieder was anderes. Und all diese
unbedeutenden Nester kratzen jetzt an unserer Tür."
"Was wollen sie denn?"
"Dass wir mit ihnen eine Föderation bilden. Ein gemeinsames
Verteidigungssystem aufbauen, die Grenze auf beiden
Seiten verstärken, in den Verbindungstunneln eine ständige
Beleuchtung einrichten, eine Miliz organisieren, die Seitentunnel
und -korridore zuschütten, Transportdraisinen in Betrieb
nehmen, Telefonkabel verlegen, auf freien Flächen Pilze züchten
... Na ja, eben so eine Art gemeinsames Wirtschaftssystem,
mit Zusammenarbeit und gegenseitiger Hilfe im Fall des Falles.
"
"Und wo waren sie vorher?", knurrte Andrej. "Wo waren
sie, als vom Botanischen Garten, von der Medwedkowa all diese
Kreaturen daherkamen? Als die Schwarzen uns angriffen, wo
waren sie da?"
"He, Andrej, mal nicht den Teufel an die Wand", mischte
sich Pjotr Andrejewitsch ein. "Noch sind keine Schwarzen da -
zum Glück! Aber besiegt haben wir sie nicht. Irgendwas muss
dort passiert sein, in ihren eigenen Reihen, und deswegen halten
sie jetzt still. Vielleicht sammeln sie aber auch nur ihre
Kräfte. Jedenfalls käme uns ein Bündnis schon recht. Noch
dazu mit unseren direkten Nachbarn. Das ist doch für beide
Seiten von Nutzen."
"Und dann haben wir endlich Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit
", giftete Andrej und zählte demonstrativ mit den
Fingern mit.
"Die Geschichte interessiert euch wohl nicht mehr?", sagte
Artjom leicht gekränkt.
"Aber nein, erzähl nur", erwiderte Andrej. "Pjotr und ich
streiten nachher weiter. Das ist zwischen uns beiden ein ewiges
Thema."
"Na gut. Jedenfalls soll unser Vorsitzender angeblich einverstanden
sein. Nur die Details müssen noch diskutiert werden.
Bald wird es eine Versammlung geben. Und dann ein Referendum.
"
Andrej verzog den Mund. "Ja, ja. Ein Referendum. Wenn
das Volk "ja" sagt, ist alles klar. Sagt es aber "nein", hat es nur
schlecht nachgedacht. Und soll sich die Sache bitte schön noch
mal überlegen."
"Und an der Rischskaja, was tut sich da?", fragte Pjotr Andrejewitsch
weiter, ohne auf Andrej zu achten.
"Na ja, was kommt denn dahinter? Der Prospekt Mira, unsere
Grenze zur Hanse. Bei der Hanse, sagt mein Stiefvater, hat sich
nichts geändert: Der Frieden mit den Roten gilt noch immer.
An den Krieg erinnert sich da niemand mehr ..."
Hanse - so hieß die Gemeinschaft der Ringstationen. Die
Ringlinie verband alle Metrolinien miteinander. Jede ihrer Stationen
lag im Schnittpunkt mit einem der Handelswege. Somit
waren sie von Anfang an zu Treffpunkten für Kaufleute aus
dem gesamten Metronetz geworden. Da sie sehr schnell reich
wurden und schon bald begriffen, dass dieser Reichtum viele
Begehrlichkeiten weckte, beschlossen sie sich zusammenzuschließen.
Die offizielle Bezeichnung war viel zu umständlich,
und so nannte man die Gemeinschaft bald nur noch Hanse,
nach dem mittelalterlichen Bund deutscher Handelsstädte.
Anfangs umfasste die Hanse nur einen Teil der Ringstationen -
die Vereinigung vollzog sich erst allmählich. Zuerst gab es da
den Abschnitt zwischen der Kiewskaja und dem Prospekt Mira,
den sogenannten Nördlichen Bogen, dem sich die Stationen
Kurskaja, Taganskaja und Oktjabrskaja angeschlossen hatten. Später
kamen die Pawelezkaja und die Dobryninskaja hinzu, und es
bildete sich ein zweiter Bogen: der Südliche. Das größte Problem
und wichtigste Hindernis auf dem Weg zur Vereinigung
der beiden war jedoch die Sokolnitscheskaja-Linie.
"Die Sache ist nämlich so", hatte Artjoms Stiefvater einmal
erzählt, "die Sokolnitscheskaja-Linie war schon immer etwas Besonderes.
Wenn du auf den Plan siehst, bemerkst du das sofort.
Zum einen ist sie gerade wie ein Pfeil. Zum anderen tiefrot,
und zwar auf allen Plänen. Die Stationsnamen sprechen ja für
sich. Da ist zum Beispiel die Krasnosselskaja, benannt nach dem
"Roten Dorf", das 1944 aus faschistischer Besatzung befreit
wurde. Dann Krasnyje Worota, das "Rote Tor", die Komsomolskaja,
die Biblioteka imeni Lenina, die Lenin-Bibliothek, und dann noch
die Leninskije gory, die Leninberge ..."
Vielleicht waren es diese Namen, oder aber irgendein anderer
Grund, dass sich mit der Zeit auf dieser Linie all jene
Menschen versammelten, die sich nach der ruhmreichen sozialistischen
Vergangenheit zurücksehnten. Verschiedene Pläne,
einen Sowjetstaat wiederzuerrichten, fielen dort auf besonders
fruchtbaren Boden. Als sich die erste Station offiziell zu den
Idealen des Kommunismus und einer sozialistischen Regie33
rungsform bekannte, schloss sich alsbald die daneben gelegene
an. Dann ließen sich die Leute am anderen Ende des Tunnels
von der revolutionären Begeisterung anstecken, stürzten ihre
Administration, und nun war kein Halten mehr: Die letzten
noch lebenden Kriegsveteranen, ehemalige Komsomol-Mitarbeiter
und Parteifunktionäre und natürlich das "Proletariat" -
alle liefen sie zu den revolutionären Stationen über.
Sie gründeten ein Komitee, das für die Verbreitung der
neuen Revolution und der kommunistischen Ideologie in der
gesamten Metro verantwortlich sein sollte, mit dem leninsch
anmutenden Namen "Interstationale". Dieses Komitee bildete
Einheiten von Berufsrevolutionären und -propagandisten aus
und ließ sie ins Lager der Feinde ausschwärmen. Insgesamt
verlief alles ohne viel Blutvergießen, da sich die ausgehungerten
Menschen der wenig produktiven Sokolnitscheskaja-Linie
nach der "Wiederherstellung von Gerechtigkeit" sehnten -
was nach ihrer Überzeugung nur durch Angleichung der Verhältnisse
erreicht werden konnte. Und so loderte schon bald
auf der gesamten Linie die purpurne Flamme der Revolution.
Die U-Bahn-Brücke über den Fluss Jausa war wie durch ein
Wunder unversehrt geblieben, sodass die Verbindung zwischen
den Stationen Sokolniki und Preobraschenskaja ploschtschad
funktionierte. Zuerst war der kurze Abschnitt an der Oberfläche
nur nachts und mit Draisinen in voller Fahrt zu bewältigen
gewesen. Doch dann wurde die Brücke von Kriegsgefangenen
und Verurteilten - unter Einsatz ihres Lebens - eingemauert
und mit einem Dach versehen. Die Stationen bekamen ihre
alten, sowjetischen Na men wieder: Die Station Tschistyje prudy
hieß wieder Kirowskaja, die Ljubjanka wieder Dserschinskaja und
der Ochotny Rjad wieder Prospekt Marksa. Stationen mit neutra34
len Namen wurden schnell mit ideologisch eindeutigeren Bezeichnungen
versehen: Die Sportiwnaja wurde zur Kommunistitscheskaja,
die Sokolniki zur Stalinskaja, und die Preobraschenskaja
ploschtschad - von wo aus alles begonnen hatte - zur Snamja
Rewoljuzii, dem "Banner der Revolution". Und so wurde diese
Linie, die ehemals Sokolni tscheskaja geheißen hatte, von den
Moskauern aber schon immer als "rote Linie" bezeichnet worden
war, ganz offiziell zur Roten Linie.
Das war es dann aber auch. Denn kaum hatte sich die Rote
Linie komplett formiert, da begann sie auch schon erste Forderungen
an die anderen Strecken zu stellen. Doch damit war das
Maß für die anderen Stationen voll. Zu viele Menschen hatten
noch in guter Erinnerung, was das Wort "Sowjetmacht" bedeutete;
zu viele sahen in den Agit-Trupps, die von der Interstationale
in die gesamte Metro ausschwärmten, Metastasen
eines Geschwürs, das den ganzen Organismus zu vernichten
drohte. Und so sehr die Propagandisten der Interstationale auch
die Elektrifizierung der Untergrundbahn versprachen und behaupteten,
dies in Kombination mit der Sowjetmacht ergebe
den Kommunismus (kaum jemals war diese so schamlos usurpierte
Lenin'sche Devise aktueller gewesen) - die Menschen
jenseits der Roten Linie ließen sich von den Verheißungen
nicht verführen. Die interstationären Schönredner wurden überall
abgefangen und zurück in ihren Sowjetstaat geschickt.
Nun ordnete die rote Führung an, es sei Zeit, entschlossen
zu handeln: Wenn der Rest der Metro das fröhliche Feuer der
Revolution nicht selbst entfachen wolle, müsse man eben etwas
nachhelfen. Die benachbarten Stationen, beunruhigt von verstärkter
kommunistischer Propaganda und subversiven Aktionen,
kamen zu einem ähnlichen Schluss. Die historische Erfah35
rung hatte klar gezeigt: Es gab keinen besseren Überträger der
kommunistischen Bazille als das Bajonett.
Der Sturm brach los. Eine Koalition antikommunistischer
Stationen, angeführt von der zweigeteilten Hanse, die danach
trachtete, den durch die Roten zerschlagenen Kreis zu schließen,
nahm die Herausforderung an. Letztere hatten nicht mit
organisiertem Widerstand gerechnet und ihre eigenen Kräfte
überschätzt. Ein leichter Sieg, wie sie ihn erwartet hatten, war
nicht abzusehen.
Tatsächlich wurde es ein langer und blutiger Krieg. Für die
ohnehin nicht gerade zahlreiche Bevölkerung der Metro geriet
er zur Zerreißprobe. Knapp anderthalb Jahre zog er sich hin
und bestand im Wesentlichen aus Positionskämpfen, jedoch,
wie in solchen Fällen üblich, mit Partisanenausfällen und Diversionsakten,
mit der Zerstörung von Tunneln, der Erschießung
von Kriegsgefangenen und anderen Gräueltaten auf beiden
Seiten. Es gab Truppenbewegungen, Einkesselungen und
Durchbrüche, Heerführer, Helden und Verräter. Das Besondere
an diesem Krieg war jedoch, dass keiner der Gegner es
schaffte, die Frontlinie auch nur um eine halbwegs bedeutsame
Distanz zu verschieben. Manchmal, so schien es, hatte die eine
Seite ein Übergewicht erreicht und eine Verbindungsstation
besetzt - doch sogleich strengte sich der Gegner an, mobilisierte
zusätzliche Kräfte, und die Waagschale neigte sich wieder
in die andere Richtung.
Doch der Krieg verbrauchte Ressourcen. Er forderte die besten
Leute. Er rieb die Menschen auf.
Schließlich hatten die Überlebenden genug. Still und heimlich
ersetzten die Revolutionsführer die anfänglichen Aufgaben
durch bescheidenere. War es zu Beginn das erklärte Ziel gewe36
sen, die sozialistische Macht und kommunistische Ideologie in
der gesamten Metro zu verbreiten, so wollten die Roten jetzt
wenigstens ihr Allerheiligstes unter Kontrolle bringen: die Station
Ploschtschad Rewoljuzii. Zum einen wegen des Namens,
"Platz der Revolution", zum anderen aber auch, weil sie sich
näher als jede andere Station beim Roten Platz und beim Kreml
befand, auf dessen Türmen noch immer rubinrote Sterne
prangten (zumindest wenn man den wenigen ideologisch gefestigten
Draufgängern glauben konnte, die sich nach oben
gewagt hatten, um einen Blick darauf zu werfen). Und dann
stand dort, an der Oberfläche, neben dem Kreml, in der Mitte
des Roten Platzes, natürlich das Mausoleum. Ob sich Lenins
Leiche noch darin befand, wusste niemand, und es spielte auch
keine Rolle mehr. In den langen Jahren der Sowjetherrschaft
hatte sich das Mausoleum verselbstständigt, war von einer
pompösen Grabstätte zu einem sakralen Symbol für die Kontinuität
der Macht geworden. Von seinem Balkon aus hatten
die großen Führer der Vergangenheit die Paraden abgenommen.
Kein Wunder also, dass dieser Ort auf die jetzigen Führer
die größte Faszination ausübte. Und man erzählte sich, dass
von der Ploschtschad Rewoljuzii verborgene Gänge zu den Geheimlabors
des Mausoleums und von dort zur Grabkammer
Lenins führten.
Die Roten hielten die Ploschtschad Swerdlowa, vormals Teatralnaja.
Sie war befestigt worden und diente nun als Aufmarschplatz
für Sturmangriffe und Attacken auf die Ploschtschad Rewoljuzii.
Mit dem religiösen Eifer von Kreuzrittern riefen
die Anführer der Revolution ihre Gefolgsleute immer wieder
zum Sturm auf diese Station und zur Befreiung des Mausoleums.
Doch die Verteidiger begriffen nur zu gut, welche Be37
deutung die Station für die Roten hatte, und standen bis zum
letzten Mann. Die Ploschtschad Rewoljuzii verwandelte sich in
eine uneinnehmbare Festung. Die grausamsten und blutigsten
Kämpfe des gesamten Krieges wurden im Umkreis dieser Station
aus gefochten, dort fielen die meisten Soldaten. Diese Schlachten
brachten Helden hervor, die sich, wie einst der junge Alexander
Matrossow, ins offene Feuer der Maschinengewehre
warfen oder mit Granaten behängten, um sich mit den feindlichen
Feuerstellungen in die Luft zu sprengen. Sogar Flammenwerfer
wurden damals, obwohl verboten, gegen Menschen
eingesetzt - ohne nennenswerten Erfolg. Hatten die Roten die
Station an einem Tag erkämpft, so gelang es ihnen nicht, sich
darin festzusetzen - schon am nächsten Tag erlitten sie beim
Gegenangriff der Koalition herbe Verluste und zogen sich wieder
zurück.
Exakt das Gleiche, nur mit umgekehrtem Vorzeichen, galt
für die Biblioteka imeni Lenina. Diese hatten die Roten besetzt,
während die Streitkräfte der Koa lition sie wieder und wieder
zu vertreiben versuchten. Für die Koalition war die Station von
enormer Bedeutung, da sie im Falle der erfolgreichen Erstürmung
die Rote Linie in zwei Teile trennen würde. Außerdem
gab es von dort Übergänge zu drei weiteren Linien, mit denen
sich die Rote Linie sonst nirgends traf. Nur dort. Diese Station
war also wie eine Art Lymph knoten: Hatte ihn die rote Pest
einmal befallen, so konnte sie sich auf weitere lebenswichtige
Organe ausbreiten. Um dies zu verhindern, musste die Koalition
sie einnehmen, und zwar um jeden Preis.
Doch so vergeblich die Roten versuchten, die Ploschtschad
Rewoljuzii in ihre Gewalt zu bringen, so fruchtlos blieben die
Bemühungen der Koalition um die Bibliotheks-Station.
Die Menschen aber hatten allmählich genug davon. Schon
gab es die ersten Deserteure, und immer häufiger kam es zu
Fällen von Verbrüderung, wenn Soldaten auf beiden Seiten der
Front die Waffen fortwarfen. Im Unterschied zum Ersten
Weltkrieg kam dies den Roten aber nicht zugute. Der revolutionäre
Eifer ebbte allmählich ab. Und der Koalition erging es
nicht besser: Zermürbt von der ständigen Sorge um das eigene
Leben, zogen ganze Familien von den Stationen im Zentrum
in die Peripherie. Die Hanse leerte sich und verlor zusehends
an Kraft. Der Krieg wirkte sich zudem auf das Geschäft aus, die
Kaufleute mieden die Hanse, ehemals wichtige Handelswege
lagen still und verlassen da.
Die Politiker begriffen, dass sie von ihren Soldaten immer
weniger unterstützt wurden und schnell einen Weg zur Beendigung
des Krieges finden mussten, bevor sich die Waffen
gegen sie richteten. Und so trafen sich unter strengster Geheimhaltung
und, wie in solchen Fällen üblich, an einer neutralen
Station die Führer der verfeindeten Seiten: Genosse
Moskwin von sowjetischer Seite sowie der Präsident der Hanse
Loginow und das Oberhaupt der Arbat-Konföderation Kolpakow
als Unterhändler der Koalition.
Der Friedensvertrag war bald unterzeichnet. Die Parteien
tauschten Stationen aus. Die Rote Linie bekam den halb zerstörten
Platz der Revolution zur vollen Verfügung und trat
dafür die Lenin-Bibliothek an die Arbat-Konföderation ab. Für
keine der Seiten war dies ein leichter Schritt. Die Konföderation
verlor eines ihrer Mitglieder und damit weitere Besitzungen
im Nordosten. Die Rote Linie dagegen war nicht mehr
vollständig, genau in ihrer Mitte lag nun eine Station, die nicht
ihrem Befehl unterstand und sie damit in zwei Teile zerhackte.
Obwohl beide Seiten einander ungehinderten Transit durch
ihre ehemaligen Gebiete garantierten, bereitete das Ergebnis
den Roten natürlich Bauchschmerzen. Doch das Angebot der
Koalition war zu verlockend, und die Rote Linie konnte nicht
widerstehen. Die meisten Vorteile hatte die Hanse, die ihren
Kreis schließen konnte und so das letzte Hindernis auf dem
Weg zum wirtschaftlichen Aufstieg beseitigte. Man vereinbarte,
den Status quo zu respektieren sowie Agitation und Sabotage
auf dem Gebiet des ehemaligen Gegners zu unterlassen.
Alle Beteiligten waren zufrieden. Und nun, da Kanonen und
Politiker schwiegen, war es Sache der Propagandisten, den
Massen zu erklären, dass es die eigene Seite war, die einen herausragenden
diplomatischen Erfolg errungen und somit den
Krieg eigentlich gewonnen hatte.
Jahre waren vergangen seit jenem denkwürdigen Tag der Unterzeichnung
des Friedensabkommens. Beide Seiten hielten
sich daran: Die Hanse sah in der Roten Linie einen attraktiven
Wirtschaftspartner, diese wiederum hatte ihre aggressiven Pläne
verworfen. Genosse Moskwin, seines Zeichens Gene ralsekretär
der Kommunistischen Partei der Moskauer W.-I.-Lenin-Untergrundbahn,
hatte dialektisch die Möglichkeit bewiesen, dass
man den Kommunismus auf einer Linie aufbauen könne, und
die historische Entscheidung getroffen, ebenjenen Aufbau zu
beginnen. Die alte Feindschaft war in Vergessenheit geraten.
Diese Lektion der jüngsten Geschichte hatte sich Artjom gut
gemerkt, wie er sich überhaupt alles zu merken versuchte, was
ihm sein Stiefvater erzählte.
"Gut, dass das Gemetzel damals aufgehört hat", sagte Pjotr
Andrejewitsch. "Anderthalb Jahre konnten wir keinen Fuß
auf die Ringlinie setzen. Überall Absperrungen, ständig musste
man seinen Pass zeigen. Ich war damals geschäftlich unterwegs.
Anders als über die Hanse war kein Durchkommen. Also nahm
ich diese Route. Und gleich am Prospekt Mira wurde ich aufgehalten.
Beinahe hätten die mich an die Wand gestellt."
"Wirklich?", fragte Andrej neugierig. "Das hast du noch nie
erzählt. Wie kam es dazu?"
Artjom ließ den Kopf hängen. Er hatte die Rolle des Erzählers
offenbar endgültig eingebüßt. Die Geschichte versprach jedoch
interessant zu werden, und so ging er nicht dazwischen.
"Na, ganz einfach: Die hielten mich für einen roten Spion.
Komm ich beim Prospekt Mira aus dem Tunnel, noch auf unserer
Linie, und siehe da: Unser Teil der Station wird von der
Hanse kontrolliert. Ist sozusagen annektiert worden. Na gut,
besonders streng geht es ja nicht zu - einen Markt haben sie
aufgebaut, eine Handelszone. Ihr wisst ja, wie das bei der Hanse
ist: Die Stationen auf der Ringlinie sind sozusagen ihr eigenes
Haus. Die Grenze verläuft dann irgendwo in den Übergängen
von den Ringstationen auf die Sternlinien, mit Zoll, Passkontrolle
und so weiter ..."
"Wissen wir doch alles", unterbrach Andrej. "Halt keine
Vorträge, komm endlich zur Sache!"
"Mit Passkontrolle und so weiter", wiederholte Pjotr Andrejewitsch
mürrisch und zog finster die Brauen zusammen. "Auf
den Stationen der Sternlinien befinden sich dann die Märkte
und Basare, da dürfen auch Fremde hin. Aber an der Grenze ist
Schluss. Ich komme, wie gesagt, am Prospekt Mira raus, gut ein
halbes Kilo Tee dabei. Ich brauche neue Patronen für mein
Gewehr, also will ich tauschen. Aber die sind dort im Kriegszustand
und geben keine Munition raus. Ich frag den Ersten, dann
den Zweiten - aber sie schütteln nur den Kopf und verziehen
sich wieder, als ob sie nichts mit mir zu tun haben wollen. Nur
einer flüstert mir zu: "Was denn für Patronen, du Idiot. Hau
bloß ab, die haben dich sicher schon verpfiffen." Ich bedanke
mich höflich und bewege mich langsam zurück zum Tunnel.
Gerade habe ich den Ausgang erreicht, da hält mich eine Patrouille
auf, von der Station her pfeift es, und noch ein Trupp
kommt angelaufen. "Ihre Dokumente, bitte." Ich zeig meinen
Pass mit dem Stempel unserer Station. Den schauen sie sich
ganz genau an und fragen: "Und Ihr Passierschein, wo ist der?"
Ich erstaunt: "Was für ein Passierschein?" Und da stellt sich heraus,
dass man ohne Passierschein die Station gar nicht betreten
darf. Am Ende des Tunnels steht ein Tischchen, da haben sie
ihr Büro. Zuerst wirst du überprüft, dann bekommst du, wenn
alles in Ordnung ist, einen Passierschein. Einen Amtsschimmel
haben sie da ... Wie ich den Tisch übersehen konnte, weiß ich
nicht. Warum haben diese Idioten mich nicht aufgehalten?
Aber versuch das mal der Patrouille zu erklären. Vor mir steht
dieser kurz geschorene Trottel im Tarnanzug und sagt: "Durchgeschlüpft
bist du, hast dich durchgemogelt, still und heimlich!"
Blättert weiter in meinem Pass, bis er plötzlich einen kleinen
Stempel von der Sokolniki entdeckt. Da hab ich früher gewohnt,
die Sokolniki. Sieht der also den Stempel, und schon schießt ihm
das Blut in die Augen. Wie ein gereizter Stier reißt er seine
Kalaschnikow von der Schulter und brüllt: "Hände hinter den
Kopf, Arschloch!" Tadellose Ausbildung, das merkt man sofort.
Er packt mich am Kragen und zieht mich durch die ganze Station
- zum Kontrollpunkt im Übergang, wo der Stationsvorsteher
sitzt. Dann brummt er: "Warte", nach dem Motto: Ich
brauch nur die Erlaubnis vom Chef, dann stell ich dich an die
Wand, du Aufklärer. Mir wird ganz anders. Ich versuch es mit
Argumenten: "Wieso Aufklärer? Ich bin Geschäftsmann! Da,
ich hab Tee dabei, von der WDNCh." Worauf er mir antwortet,
dass er mir mit dem Tee gleich das Maul stopft und mit dem
Gewehr nachschiebt, damit noch mehr reinpasst. Ich merke,
dass ich nicht besonders überzeugend wirke, und wenn seine
Führung ihm jetzt grünes Licht gibt, führt er mich zu Meter
200, stellt mich mit dem Gesicht zu den Rohren und macht
mir zwei zusätzliche Löcher in den Kopf. Ist laut Kriegsrecht
ganz legal. Blöd gelaufen, denke ich. Jedenfalls, als wir beim
Kontrollpunkt ankommen, geht der Penner sich beraten. Ich
schau mir seinen Vorgesetzten an - und mir fällt ein Stein vom
Herzen: Das ist doch tatsächlich Paschka Fedotow, ein Klassenkamerad
von mir! Wir sind nach der Schule noch lange Freunde
gewesen und haben uns dann aus den Augen verloren ..."
"Alter Sack! Richtig Angst gemacht hast du mir! Und ich
dachte schon, das war's, die hätten dich umgelegt", bemerkte
Andrej grinsend, und alle, die um das Feuer bei Meter 450
saßen, brachen in Gelächter aus.
Pjotr Andrejewitsch warf Andrej zuerst noch einen wütenden
Blick zu, doch dann konnte auch er sich ein Lächeln
nicht verkneifen. Das Gelächter rollte den Tunnel entlang und
brachte irgendwo in der Tiefe ein verzerrtes Echo hervor, ein
kaum definierbares, reichlich unheimliches Ächzen. Sogleich
verstummten alle wieder und lauschten.
Aus der Tiefe des Tunnels, von Norden her, waren nun wieder
die gleichen verdächtigen Geräusche zu hören: ein Rascheln
und leichte Trippelschritte.
Andrej reagierte natürlich als Erster. Er bedeutete den anderen
zu schweigen. Dann griff er nach seinem Sturmgewehr
und erhob sich. Langsam entsicherte er, lud durch und ent43
fernte sich lautlos vom Feuer. An die Wand des Tunnels gedrückt,
drang er immer weiter in die Tiefe vor. Auch Artjom
stand auf. Er brannte darauf zu sehen, was er da vorhin hatte
entwischen lassen, doch Andrej drehte sich um und zischte ihm
wütend etwas zu.
Das Gewehr im Anschlag, blieb er dann an der Stelle stehen,
wo sich das Dunkel zu verdichten begann, legte sich auf den
Bauch und rief: "Licht her!"
Einer seiner Leute hielt einen leistungsstarken Akku-Strahler
bereit, den die Elektriker der Station aus einem alten Autoscheinwerfer
gebaut hatten. Er drückte einen Knopf - ein grellweißer
Lichtstrahl schnitt sich durch die Dunkelheit. Eine Sekunde
lang entriss er der Finsternis eine undeutliche Silhouette.
Dann jagte etwas Kleines und Unscheinbares Hals über Kopf
zurück Richtung Norden. Artjom hielt es nicht mehr aus und
schrie aus Leibeskräften: "Nun schieß schon! Es läuft doch
weg!"
Aus irgendeinem Grund schoss Andrej nicht. Jetzt erhob sich
auch Pjotr Andrejewitsch, das Gewehr schussbereit, und rief:
"Andrjucha! Lebst du noch?"
Die Leute, die um das Feuer saßen, flüsterten beunruhigt,
man hörte, wie sie ihre Waffen entsicherten.
Endlich erschien Andrej im Licht des Scheinwerfers und
klopfte sich die Jacke ab. "Klar lebe ich noch!", rief er lachend.
"Was gibt's da zu gackern?", gab Pjotr Andrejewitsch zurück.
"Drei Beine. Und zwei Köpfe. Mutanten! Die Schwarzen
kommen. Sie stechen euch alle ab. Schieß, sonst läuft es weg ...
Einen Riesenlärm macht ihr hier, ich fass es einfach nicht."
"Warum hast du nicht geschossen?", fragte Pjotr Andrejewitsch
wütend, als Andrej beim Feuer ankam. "Bei dem Burschen
hier versteh ich das ja - er ist noch jung, hat einfach nicht
rechtzeitig geschaltet. Aber wie konntest du das verschlafen?
Weißt du nicht, was an der Poleschajewskaja passiert ist?"
"Ach, das mit der Poleschajewskaja hab ich schon mindestens
zehnmal gehört ... Ein Hund ist es! Ein ganz junger. Der
schleicht sich eben schon zum zweiten Mal ans Feuer ran, zur
Wärme und zum Licht. Um ein Haar hättet ihr ihn abgemurkst,
ihr Tierquäler."
"Woher sollte ich denn wissen, dass es ein Hund ist?", sagte
Artjom beleidigt. "Er hat so komische Laute von sich gegeben.
Und außerdem, hab ich jedenfalls gehört, sollen die hier
vor einer Woche eine Ratte gesehen haben, so groß wie ein
Schwein." Er schüttelte sich. "Ein halbes Magazin haben sie
ihr in den Leib gejagt, und die war immer noch quicklebendig.
"
"Glaub du nur all diese Märchen! Warte, ich bring dir gleich
deine Ratte", erwiderte Andrej, schulterte sein Gewehr und
verschwand wieder in der Dunkelheit.
Nach einer Minute hörte man von dort ein leises Pfeifen.
Dann ertönte eine Stimme, zärtlich, lockend: "Na, komm her ...
Komm schon, Kleiner, keine Angst."
Ziemlich lange, zehn Minuten vielleicht, redete Andrej so
vor sich hin, rief und pfiff. Schließlich tauchte seine Gestalt
erneut im Halbdunkel auf. Zurück am Feuer lächelte er triumphierend
und öffnete seine Jacke. Heraus fiel ein junges Hündchen,
zitternd, jämmerlich, nass, unerträglich schmutzig, das
verfilzte Fell von unbestimmbarer Farbe, die schwarzen Augen
vor Schreck geweitet, die kleinen Ohren eng angelegt. Kaum
fand es sich auf dem Boden wieder, da versuchte es auch schon
fortzulaufen, doch Andrejs kräftige Hand packte es am Genick
und hob es an seinen Platz zurück. Er streichelte das Hündchen
am Kopf, zog seine Jacke aus und deckte es damit zu. "Soll sich
der kleine Stinker erst mal wärmen", erklärte er.
"Lass gut sein, Andrjucha, der ist wahrscheinlich voller Flöhe",
sagte Pjotr Andrejewitsch. "Oder vielleicht hat er Würmer. Du
steckst dich noch mit was an und dann verbreitest du es auf der
ganzen Station ..."
"Hör auf rumzumeckern, Andrejitsch. Schau ihn dir doch
erst mal an!" Andrej klappte die Jacke auf und zeigte Pjotr Andrejewitsch
die Schnauze des Hündchens, das immer noch zitterte,
vor Angst oder vor Kälte. "Sieh ihm in die Augen, Andrejitsch!
Diese Augen können nicht lügen!"
Pjotr Andrejewitsch betrachtete den Hund skeptisch. Dessen
Augen blickten ihn zwar verängstigt, aber ohne Zweifel
ganz und gar aufrichtig an. Pjotr Andrejewitsch schmolz dahin.
"Na gut. Immer diese jungen Naturforscher ... Warte, ich such
ihm was zu beißen", brummte er und steckte seine Hand in
den Rucksack.
"Tu das. Vielleicht wird ja noch was Anständiges aus ihm.
Ein deutscher Schäferhund zum Beispiel." Andrej schob die
Jacke mit dem Hündchen näher ans Feuer.
"Woher ist der denn so plötzlich aufgetaucht?", fragte einer
von seinen Leuten. "Da hinten gibt es keine Menschen mehr.
Nur die Schwarzen. Und seit wann halten die sich Hunde?"
Der da sprach, war ein abgezehrter, hagerer Mann mit struppigem
Haar. Bisher hatte er nur schweigend zugehört. Nun
blickte er misstrauisch auf das Tier, das in der Wärme vor sich
hin zu dösen begann.
"Da hast du recht, Kirill", erwiderte Andrej ernst. "Die
Schwarzen halten sich überhaupt keine Tiere, soweit ich
weiß."
"Wovon leben sie dann? Was essen sie?", fragte ein anderer,
der ebenfalls mit Andrejs Gruppe angekommen war, und
kratzte knisternd sein unrasiertes Kinn. Dieser war ein hochgewachsener,
breitschultriger, kräftig gebauter Mann mit glattem
Schädel. Er trug einen langen, stattlichen Ledermantel,
was an sich schon eine Seltenheit war.
"Was sie essen? Alles Mögliche, sagt man. Aas, Ratten, Menschen.
Sie sind nicht gerade wählerisch." Andrej verzog das
Gesicht vor Ekel.
"Kannibalen?", fragte der Kahle ohne einen Anflug von Verwunderung,
als hätte er schon früher mit Menschenfressern zu
tun gehabt.
"Ja, Kannibalen. Es sind keine Menschen. Eher so eine Art
Wiedergänger. Weiß der Teufel, was die überhaupt sind! Nur
gut, dass sie keine Waffen besitzen und wir sie zurückschlagen
können - noch. Pjotr, weißt du noch, wie wir vor einem halben
Jahr einen von ihnen lebend gefangen haben?"
"Na klar", sagte Pjotr Andrejewitsch. "Zwei Wochen lang ist
er bei uns im Bunker gesessen, hat nichts von unserem Wasser
getrunken und das Essen nicht angerührt. Am Ende ist er einfach
krepiert."
"Habt ihr ihn vernommen?", fragte der Kahle.
"Er hat kein Wort von dem verstanden, was wir ihm gesagt
haben. Du sprichst ihn ganz normal an, und er schweigt einfach.
Überhaupt hat er die ganze Zeit geschwiegen. Als hätte er
sich die Zunge abgebissen. Selbst als sie ihn geschlagen haben.
Was zu essen haben sie ihm hingestellt - kein Wort. Nur ge47
knurrt hat er manchmal. Und geheult, bevor er gestorben ist,
dass die ganze Station davon aufgewacht ist."
Kirill meldete sich wieder zu Wort: "Und wo kommt jetzt
dieser Hund her?"
"Weiß der Geier", erwiderte Andrej. "Kann sein, dass er vor
denen weggelaufen ist. Vielleicht wollten sie ihn auffressen. Es
sind ja nur gut zwei Kilometer. Wäre doch möglich, dass ein
Hund es bis hierher schafft, oder? Oder er gehört irgendwem.
Jemandem, der von Norden hierher unterwegs war und dann
auf die Schwarzen gestoßen ist. Und der Hund hat eben rechtzeitig
die Fliege gemacht. Ist doch egal, woher er kommt. Schau
ihn dir an - sieht so ein Ungeheuer aus? Ein Mutant? Ein kleiner
Stinker ist er, nichts weiter. Und dass es ihn zu uns Menschen
zieht, heißt doch, dass er zahm ist. Warum sollte er sonst
drei Stunden lang um unser Feuer schleichen?"
Kirill schwieg, wog offenbar Andrejs Argumente ab. Pjotr
Andrejewitsch füllte inzwischen den Teekessel aus dem Kanister
auf und fragte: "Wer will noch Tee? Eine letzte Runde, bald
kommt nämlich die Ablösung."
"Gute Idee! Ich bin dabei", sagte Andrej erfreut, und auch
die anderen lebten wieder auf.
Das Wasser im Kessel kochte. Pjotr Andrejewitsch schenkte
jedem, der wollte, nach und sagte dann: "Hört mal! Redet bitte
nicht so viel von den Schwarzen. Letztes Mal saßen wir auch
so da, und kaum hatte jemand sie erwähnt, da kamen sie auch
schon angekrochen. Andere Jungs haben mir dasselbe erzählt.
Vielleicht war es Zufall, ich bin ja nicht abergläubisch, aber wer
weiß? Vielleicht spüren sie das? Unsere Schicht ist fast zu Ende,
was brauchen wir da jetzt noch diese Teufelsbrut, im letzten
Moment?"
"Stimmt. Vielleicht sollten wir wirklich besser aufhören",
pflichtete Artjom bei.
"Nur keine Panik, Junge", sagte Andrej. "Wir packen das
schon!" Er wollte Artjom aufmuntern, klang aber selbst nicht
besonders überzeugt. Auch ihm lief es beim Gedanken an die
Schwarzen kalt den Rücken hinunter, obwohl er es zu verbergen
versuchte. Vor Menschen hatte er nicht die geringste Angst:
weder vor Banditen noch vor anarchistischen Mord gesellen
oder den Kämpfern der Roten Armee. Doch der Gedanke an
diese Wesen war ihm unangenehm, auch wenn er sie nicht
wirklich fürchtete - immer wenn er an sie dachte, überfiel ihn
eine seltsame Unruhe, ganz anders als sonst, wenn er an Gefahren
dachte, die von Menschen ausgingen.
Alle verstummten. Eine schwere, bedrückende Stille hüllte
sie ein. Sie drängten sich noch enger um das Feuer. Die knorrigen
Holzscheite knackten in den Flammen, und bisweilen
flog aus dem Tunnel von Ferne, von Norden, ein dumpfes,
hohles Knurren heran, als wäre die Moskauer Metro der gigantische
Bauch eines Ungeheuers. Ein Geräusch, das das Grauen
nur noch verstärkte.
Aus dem Russischen von David Drevs
Deutsche Erstausgabe
WILHELM HEYNE VERLAG MÜNCHEN
- Schlagwörter:
- , metro 2033


genau so denke ich auch.Das Spiel wird bestimmt nicht schlecht sein trotzdem die Spielzeit ist schon heftig.
Eine Frage
Wird da auch nebenquests geben?
Fallout 3 hatte man auch schon schnell durch also die Hauptquest.
Dafür gabs jedemenge nebenquests.