Hatred: Hass reicht nicht aus, um Spaß zu haben

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Hatred ist ein Amoklaufsimulator eines polnischen Entwicklers.
Quelle: polygon.com

Ein Spiel erhitzt die Gemüter. Es nennt sich Hatred, stammt von einem polnischen Entwickler und ist der hasserfüllte Simulator eines Amoklaufs. Es geht um Gewalt, menschenverachtende Hinrichtungsaktionen, eben auch Hass und der Reaktion der Spieler sowie der Medien darauf. Eine Kolumne von Simon Fistrich.

"Nononono!" Blam!

Die Entwickler eines seit Tagen durch die Presse geisternden Brutalo-Spiels namens Hatred haben was erreicht, was für mich eher Ausnahme ist als Regel: Sie haben einen Trailer zu einem Spiel gemacht, der mich nachhaltig emotional berührt. Fasziniert sehe ich einer Art Anti-Altair zu, der mit tiefen Kinobass in der Stimme seine nihilistische Weltsicht und seinen Menschenhass feiert, plötzlich ("Nononono!" Blam!) wie ein verrückt gewordener Detektiv in einem schwarz-weißen Film-Noir Leute niederschießt und anderen sogar den Bauch aufschlitzt. Einer jungen Frau, die sich ("Nononono!") heftig wehrt, die Pistole in den Mund schiebt, abdrückt und ihr digitales Leben beendet. (Blam!)

Unterbrochen werden die Gewaltstrophen durch einen derben Bass-Akkord, der einem Christopher-Nolan-Trailer zur Ehre gereichen würde, dann ballert sich der zornige Irre weiter durch Fabrikhallen und Vorhöfe, durch Polizisten wie Zivilisten.

"Nononono!" Blam!

Sehe ich den Trailer ein zweites Mal? Ja! Bin ich gefesselt? Ja! Würde ich fordern, dass man so ein Spiel verbietet? Nein!

Würde ich es spielen wollen?

("Nononono!" Blam!)

Eher würde ich nie wieder spielen.

Die Faszination an Gewalt und dunklen Themen ist so alt wie der moderne Mensch, sie ist mehr oder minder in jedem von uns versteckt. Die Mehrheit der Zuschauer findet Kevin Spaceys sadistischen Serienkiller aus dem David-Fincher-Klassiker Sieben deutlich faszinierender als den braven Cop, den Brad Pitt verkörpert. Grenzen werden überschritten, Konventionen ignoriert. Wen fasziniert das nicht? Im realen Leben macht der Großteil von uns solche Sachen nicht, würde sie niemals machen. Aber die Phantasie spielt manchmal in einer anderen Liga. Das ist gut so.

Ich stehe dazu, dass mich das Düstere und Brutale fasziniert. Ob absurd auf die Spitze getrieben wie in GTA V oder reflektiert und als Atmosphäre-Baustein wie in The Last of Us, spielt dabei keine Rolle, es darf ruhig kernig zugehen. Ich finde, dass der vierte Teil von Rambo der unterhaltsamste der gesamten Reihe ist. Es gibt eine Ästhetik der Gewalt und man darf so etwas rezipieren, ohne gleich in eine Ecke gestellt zu werden.

Ein Teil von mir sucht also nach Verständnis für die Entwickler. Die wollen aber laut eines Statements bei Polygon mit dem derben Blutbad eine Art Kritik an der Scheinheiligkeit und Political Correctness der Spielebranche formulieren. Wir sollten dazu stehen, dass es unterhaltsam ist, digitale Pixelmenschen niederzumähen. Warum also nicht in die Vollen gehen, eine ohnehin oft hanebüchene Story oder irgendwelche absurden guten Absichten in die Tonne kloppen und das Gameplay auf das reduzieren, was die eigentliche Faszination ausmachen soll? Das Töten, ohne Ziel, nur aus Hass! Wäre das nicht viel ehrlicher? Sollte man Hatred nicht gerade deswegen spielen?

Diese Sichtweise ist so trostlos, verkorkst, so traurig unkreativ, dass ich Mitleid mit den Schöpfern habe, die vielleicht meinen, hier ein großes künstlerisches Statement im Kampf gegen Political Correctness abzuliefern.

Helden wie Anti-Helden brauchen ein Motiv. Gewalt hat einen Grund. Hass ist kein Grund. Hass ist Wirkung, nicht Ursache. Zumindest Trailer und Verkaufe legen nicht nahe, dass mehr hinter den Taten der Menschen verachtenden Hauptfigur des Spiels stecken könnte. Und das ist mir viel zu doof. So dumm, dass ich mich niemals auf diese Hauptfigur einlassen könnte. Wie soll da Freude aufkommen, mit einer innerlich offenbar toten Figur?

Der Verdacht liegt nah, dass die Aussagen der Entwickler ein Troll-Versuch sind, um Verkaufszahlen zu pushen. Man kennt ja den Markt. Die deutschen Entwickler von Yager Development haben mit ihrem Shooter Spec Ops: The Line das Thema Auseinandersetzung mit Gewalt ebenfalls aufgegriffen. Aber auf intelligente und geschmackvolle Weise, die einen dazu zwang, sich mit seinen Taten auseinanderzusetzen. Die Verkaufszahlen blieben allerdings hinter den Erwartungen zurück. Hatred dürfte sich besser verkaufen.

Braucht die Spielebranche, die dank des blühenden Indie-Markts gerade in den letzten Jahren so abwechslungsreich und bunt wie nie daherkommt, die gerade das Bild des dämlichen, schießwütigen Helden überwindet, bereits jetzt eine furchtbar ernst daher kommende Retro-Gewaltorgie wie Hatred, die auf einen seltsamen Pseudorealismus setzt? Mitnichten, es ist sogar kontraproduktiv. Ich sehe jetzt schon wieder die besorgten Beschützer durch die Talkshows tingeln und die Spielergemeinde in einen Topf werfen. Die Verbotsapostel stehen bereits in ihren Startlöchern.

Und das Argument "Aber das ist Kunst?" Natürlich ist es Kunst. Wenn ich Dir vor die Tür kacke und sage: "Na, Du Political-Correctness-Fatzke, guck mal, wie unangepasst ich bin", dann ist das auch Kunst. Mindestens Performance-Kunst. Es bleibt aber ein Scheißhaufen, der die Luft verpestet und Ekel hervorruft. Ja, du würdest lange an dieses Erlebnis zurückdenken. Ich hätte Dich emotional berührt. Du hättest Dich mit der Situation auseinandergesetzt. Aber danach wäre ich vermutlich nicht mehr gerne bei Dir gesehen, und der Haufen würde am Ende in Deiner Mülltonne landen. Mit Recht.

"Nononono!" In der Tat. Blam!

Anmerkung der Redaktion:
Wir werden hier weder den Trailer zeigen noch verlinken und für das Spiel auch keine Produktseite anlegen. Wer sich wirklich weiter damit beschäftigen will, findet im Internet genügend Quellen.

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    • Kommentare (112)

      Zur Diskussion im Forum
      • Von OldShatterhand Mitglied
        Total Biscuit Video:

        [Ins Forum, um diesen Inhalt zu sehen]

        "I have seen more brutal Stuff in Game of Thrones, i have seen more brutal stuff in Mortal Kombat, i have seen more brutal Stuff in GTA (..) i dont really see what all the fuzz is about. Unfortunately, it seems like some games media sites decided to get a hold of this and do a little bit of moral ground standing, which frankly I find to be somewhat immature" (Zitat ab 10 min)
      • Von OldShatterhand Mitglied
        Total Biscuit Video:

        [Ins Forum, um diesen Inhalt zu sehen]

        "I have seen more brutal Stuff in Game of Thrones, i have seen more brutal stuff in Mortal Kombat, i have seen more brutal Stuff in GTA (..) i dont really see what all the fuzz is about. Unfortunately, it seems like some games media sites decided to get a hold of this and do a little bit of moral ground standing, which frankly I find to be somewhat immature" (Zitat ab 10 min)
      • Von Bonkic Mitglied
        Zitat von Worrel
        a) Jedes Spiel ist Kunst. Schließlich sind Bilder, Musik, Videos auch alle Kunst - wieso sollte also durch das Hinzufügen der Möglichkeit zur Interaktion der Faktor "Kunst" verschwinden?
        b) Man könnte den Standpunkt vertreten: "Das Spiel will ich nicht spielen. Es macht keinen Spaß. Es verherrlicht grundlose Gewalt. Dennoch hat es eine Daseinsberechtigung, weil man noch nie aus dieser moralischen Perspektive "spielen" konnte."
        du hast, glaube ich, nicht ganz verstanden, was ich damit sagen wollte.
        es sollte (für uns!) im hinblick auf die zensur-, verbots- etc.-diskussion imho völlig unerheblich sein, ob ein produkt, sei es ein computerspiel oder sonstwas, als kunst durchgeht.
        entscheidend sollte einzig und alleine die frage sein: ist dieses produkt geeignet, in der realen welt (klingt geschwollen, ich weiß) 'schaden' anzurichten?
        und da lautet die antwort bei einem computerspiel wohl regelmäßig 'nein', zumindest bezogen auf erwachsene.
      • Von Worrel Mitglied
        Zitat von Bonkic
        was habt ihr eigentlich immer mit dem thema 'kunst'? es spielt doch nun wirklich überhaupt keine rolle, ob irgendwer irgendwo dieses spiel (oder ein anderes) als kunst qualifizieren würde.

        diesen punkt sollte man aus der diskussion imho komplett rauslassen. das mag für die deutschen juristen im fall der fälle eine rolle spielen, aber doch nicht für 'uns'.
        a) Jedes Spiel ist Kunst. Schließlich sind Bilder, Musik, Videos auch alle Kunst - wieso sollte also durch das Hinzufügen der Möglichkeit zur Interaktion der Faktor "Kunst" verschwinden?
        b) Man könnte den Standpunkt vertreten: "Das Spiel will ich nicht spielen. Es macht keinen Spaß. Es verherrlicht grundlose Gewalt. Dennoch hat es eine Daseinsberechtigung, weil man noch nie aus dieser moralischen Perspektive "spielen" konnte."
      • Von Worrel Mitglied
        Zitat
        Anmerkung der Redaktion:
        Wir werden hier weder den Trailer zeigen noch verlinken und für das Spiel auch keine Produktseite anlegen. Wer sich wirklich weiter damit beschäftigen will, findet im Internet genügend Quellen.
        Wieso? Ihr seid ein Magazin, welches über PC Spiele informiert. Dies sollte die ganze Bandbreite berücksichtigen. Von Schund wie dem König von Mallorca (was ja bei euch eine ganzen Prozentpunkt abgestaubt hatte :D), fragwürdigen Konzepten wie diesem, bis hin zu epischen unbestreitbaren Meisterwerken.
        Ein Magazin wie PCG sollte nicht nur gute Spiele bewerten und zum Thema machen, sondern eben auch schlechte.

        Ihr solltet das Spiel auf Herz und Nieren prüfen und es als den spielerischen, politisch fragwürdigen Schund entlarven, der er ist - falls das so zutrifft.
        Falls das Gameplay wider Erwarten mehr zu bieten hat und sich vielleicht sogar eine sinnvolle Geschichte abzeichnet, könnte es vielleicht sogar ein gutes Spiel werden.

        Klar ist der Aufhänger diskutabel. Meist spielt man ja selbst als Böser irgendwie für einen guten Zweck - hier hingegen scheint der Böse tatsächlich böse zu sein und kein Motiv für irgendwelche Schuldigen zu haben, die den Tod von Unschuldigen relativieren könnten.

        Zitat von SaschaLohmueller
        Fuck NO Video Games • "Hatred" is a genocide simulator developed by Neo-Nazis
        Das macht mir eigentlich viel mehr Sorgen. Die Facebook-Einträge und -Likes sind leider mittlerweile gelöscht, so dass ich's nicht mehr selbst überprüfen kann.
        Fraglich, inwiefern das alles korrekt ist. Beispielsweise das hier:
        Zitat
        it’s a game about glorifying violent racism and white supremacy. Consider the game’s trailer, which conspicuously lingers on the white protagonist brutally murdering and mutilating people of color.
        - "ein Spiel, das gewalttätigen Rassismus und weiße Überlegenheit glorifiziert. Siehe den Trailer, in dem der weiße Protagonist brutal Farbige ermordet und verstümmelt."

        Also ich sehe in dem Trailer keinerlei Selektion der Opfer. Es werden Weiße, Farbige, Polizisten und Unbeteiligte zum Opfer - der Protagonist scheint einfach jeden Menschen, der ihm über den Weg läuft, zu töten.
        Desweiteren spricht er im Intro von "Vengeance" - Rache. Wenn er sich also aus irgendeiner Rache Fantasie auf alle Menschen stürzt, kann er ja schlecht rassistisch motiviert sein - es ist also etwas passiert, was "die Menschheit" ihm angetan hat und nicht etwas, was "die Schwarzen" ihm angetan haben.

        Laut den weiteren Aufzählungen haben 4/10 Mitarbeitern rechtsextreme Ansichten. Das ist ein Unterschied zu "wird von Neo-Nazis erstellt", das ja 100% impliziert. Es sind ja nicht mal zum größten Teil Neo-Nazis (jedenfalls nicht, daß wir wüßten).
        Und wenn man sich jetzt sagt: "Beim Spielekauf sollen von mir keine Nazis finanziell von mir profitieren" - welche politische Ausrichtung haben denn die Entwickler von anderen Spielen? Welche Politik wird beispielsweise von den Machern von Serious Sam, Call of Duty, Assassins Creed, Far Cry, GTA, Painkiller, Trine, Angry Birds oder Paths of Exile bevorzugt? Hat man sich das schon mal gefragt?

        Wäre vielleicht auch mal ein interessanter Ansatz für PCG Artikel.
      • Von Bonkic Mitglied
        Zitat von Triplezer0
        Werden wir ja sehen, ich sage dass sich das spiel definitiv verkaufen wird alleine wegen der Aufregung darum.
        richtig, wir werden sehen.
        momentan würde ich nicht mal ausschließen, dass das spiel eingestampft wird.

        Zitat
        Und nein, ich kann mich definitiv nicht erinnern dass das internet mit zig tausenden von Kommentaren und posts geflutet wurde als Postal raus kam. (ich kann mich irren)
        postal (1) ist 1997 erschienen.
        ziemlich logisch, dass es noch kein gewaltiges echo im netz gab, oder? ;-)
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