Aus aktuellem Anlass: Frust und Verzweiflung: Der "Killerspiele"-Report
Hunderte von Spielern treten auf LAN-Partys gegeneinander an. Sportlichkeit steht an erster Stelle. Die dargestellte Gewalt empfinden die meisten als lästig, weil sie ablenkt.
Dass er die üblichen Verdächtigen gespielt hat, also Doom, Half-Life und Counter- Strike, steht außer Frage. Doch es reicht nicht, seinen Ausbruch damit zu begründen. Ja, es gibt Indizien, die darauf hindeuten, dass besagte Spiele Platz fanden in seinen wirren Gedanken. So schreibt er am 19. November, einen Tag vor seinem Rachefeldzug, auf Englisch in sein Tagebuch: "The 12 Gauge ist the 'BFG' (...)" - will sagen: Sein Gewehr betrachtet er als die Big Fucking Gun aus Doom. Am 9. September findet sich ein Eintrag, diesmal auf Deutsch: "ERIC HARRIS, der wohl vernünftigste Junge den eine beschissene Highschool bieten kann ... ERIC HARRIS IST GOTT! Da gibt es keinen Zweifel." Eric Harris war derjenige, der 1999 zusammen mit Dylan Klebold die Columbine High School im US-Staat Colorado stürmte.
Dort erschossen die beiden 13 Menschen. Vor dem Massaker äußerte sich Harris vor laufender Kamera: "It's going to be like fucking Doom!" - was in etwa bedeutet: "Das wird wie das beschissene Doom!" Diese Aussage war wie ein Freibrief zur Verteufelung von Spielen. Und ja, Sebastian hat seine Schule als Counter-Strike-Karte nachgebaut. Nach anfänglichem Wirrwarr um den Wahrheitsgehalt der Aussage bestehen wenig Zweifel, dass er im Mapper- Forum von www.thewall.de Nachrichten veröffentlichte, in denen er um Tipps zur Fehlerbeseitigung eines selber erstellten Levels bat.
Der Dateiname lautet rx_gss.map, wobei "rx" als Kürzel für seinen Nickname ResistantX steht und "gss" als Abkürzung der Geschwister- Scholl-Schule. Staatliche Zensur All dies war bestimmten Politikern offenbar Beweis genug, um "Killerspiele" als schnelle Ursache für Sebastians Blutrausch auszumachen. Andere Spuren, die genauer und tiefer Einblick in die Psyche des Täters verleihen, wollte man augenscheinlich beseitigen. Die Homepage von ResistantX ging binnen Stunden vom Netz. Dort, wo vormals der knapp 8.400 Zeichen umfassende Abschiedsbrief Sebastians zu finden war, blieb nur noch der Hinweis "Die Domain www. stay-different.de wurde gesperrt" übrig. Inzwischen ist "die gewünschte Seite zurzeit nicht verfügbar." Der Betreiber von www.keinmensch. de, der eben jenen Brief daraufhin in voller Länge veröffentlichte, erhielt laut eigener Aussage einen Anruf.
Der Anrufer habe sich als Kriminalpolizist zu erkennen gegeben und zur unverzüglichen Entfernung allen Materials, das Herrn B. betreffe, gebeten. Die Frage, ob es sich um eine Bitte handle oder eine rechtliche Aufforderung, sei mit dem Satz abgeschmettert worden, dass man (die Kriminalpolizei) nicht glaube, dass "Sie [der Betreiber der Seite] sich mit uns anlegen wollen". Der Einschüchterungsversuch fruchtete, der Betreiber entfernte den Abschiedsbrief aus Angst, dass die Polizei am längeren Hebel säße. Doch dann hätten sich, wie er erzählt, Hunderte engagierter Menschen gemeldet und ihre Unterstützung angeboten, darunter Anwälte, Medienwissenschaftler und Journalisten. Seitdem ist der Brief wieder online - und verschafft freie Sicht auf einen jungen Mann, der von Frust, Verzweiflung und Aggressionen getrieben war.
Es ist ein Dokument des Scheiterns, der totalen Ablehnung. Auch in den folgenden Auszügen wurden die Rechtschreibund Zeichensetzungsfehler unkorrigiert gelassen. "Wozu soll ich arbeiten?", fragt Sebastian. "Damit ich mich kaputtmaloche um mit 65 in den Ruhestand zugehen und 5 Jahre später abzukratzen?" Er stellt den Sinn des Lebens infrage, kritisiert den Materialismus: "Aber was bringt einem das dickste Auto, das grösste Haus, die schönste Frau, wenn es letztendlich sowieso für'n Arsch ist (...) und wenn du niemanden hast der dich in deinem scheiss Haus besuchen kommt!" Sebastian war den Aussagen seiner Mitschüler zufolge ein Außenseiter. Als er im schwarzen Mantel die Schule besuchte, fand man das zuerst komisch.
Dann wurde er Matrix-Mann genannt. Man mied ihn, der zwei Jahre älter als der Rest war, weil er sitzen geblieben war, einmal in der siebten, einmal in der achten Klasse. Verachtung empfand er gegenüber Statussymbolen: "Man musste das neueste Handy haben, die neuesten Klamotten, und die richtigen 'Freunde'. hat man eines davon nicht ist man es nicht wert beachtet zu werden. (...) Jocks sind alle, die meinen aufgrund von teuren Klamotten oder schönen Mädchen an der Seite über anderen zu stehen." Er schließt den Gedanken mit Hass: "Ich verabscheue diese Menschen, nein, ich verabscheue Menschen." Das Leben hat Sebastian auf die Formel S.A.A.R.T. reduziert: Schule, Ausbildung, Arbeit, Rente, Tod. "Das Kind", schreibt er, "begibt sich auf seine persönliche Sozialisationsstrecke, und wird in den drauffolgenden Jahren gezwungen sich der Allgemeinheit, der Menschheit anzupassen."
Sebastian wollte sich dem System, das er als Faschismus zu entlarven glaubte, nicht unterwerfen, er wollte etwas anderes: Rache. "Diese Rache wird so brutal und rücksichtslos ausgeführt werden, dass euch das Blut in den Adern gefriert." Sein Plan ging auf, aber es hätte noch viel, viel schlimmer kommen können. Das weiß man seit Erfurt, wo Robert S. im Jahr 2002 16 Menschen ermordete. Der Abschiedsbrief zeichnet ein Bild, das vielerlei Schlüsse zulässt. War es Sinnentleerung, Markenwahn, Perspektivlosigkeit, die Sebastians Wut zum Überkochen gebracht haben? Möglicherweise. Hatten Computerspiele ihren Anteil an seiner Verrohung? Möglicherweise. Aber der Gedanke drängt sich nicht als erster auf.
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es ist einfacher ein computerspiel zu verbieten, als depressives verhalten zu verbieten wenn du den sinn darin nicht verstehst dann kann es dir niemand erklären lol confused rolleyes ect. .. omg
oooder du nimmst mich zu wörtlich dann kann ich verstehen was du meinst.…