Möchtest du diese Seite als Startseite festlegen?
als Startseite festgelegt.
    Möchtest du diese Seite als Startseite festlegen?
    Mobile als Startseite festgelegt.
  • Jowood-Themenwoche, Tag 5: Jowood-Gründer Hans Schilcher "Völlig überzogene Erwartungen"

    Im Rahmen unserer Jowood-Themenwoche stellt sich heute einer der Gründerväter von Jowood unseren Fragen: Hans Schilcher, Erfinder von Der Industriegigant und einst Entwicklungsvorstand. Es gibt sicher nur wenige, die so nah dran waren an der Schaltzentrale. Und das Beste: Er spricht Klartext - was wirklich schief lief bei Jowood und warum sich der Börsengang im Jahr 2000 letztlich als Fluch herausstellen sollte.

    Im Juni 2000 wurde aus der Jowood GmbH die Jowood Aktiengesellschaft. Im Juni 2000 wurde aus der Jowood GmbH die Jowood Aktiengesellschaft. Quelle: JoWooD Ergänzend zur Jowood-Reportage "Die Unsinkbaren" in der PC Games 6/11 (erscheint am 25. Mai) veröffentlichen wir seit 18. Mai täglich ein neues Interview mit Leuten, die es wissen müssen: Persönlichkeiten, die seit Jahrzehnten dabei sind und die das Geschäft kennen wie ihre Westentasche. Insbesondere stellen wir uns auch die Frage, wie es mit Gothic, Arcania & Co. weitergeht. Freut euch auf interessante Blicke hinter die Kulissen des österreichischen Publishers, der mit Titeln wie Gothic 2, Gothic 3, Spellforce, Industriegigant und Die Gilde Spielegeschichte geschrieben hat.

    In PC Games 6/11 zeichnen wir mit einer Reportage den Aufstieg und Fall von Jowood nach. In PC Games 6/11 zeichnen wir mit einer Reportage den Aufstieg und Fall von Jowood nach. Und das sind einige unserer Experten und Gesprächspartner:
    Michael Rüve: Geschäftsführer von Piranha Bytes (Gothic 1 bis 3, Risen, Risen 2: Dark Waters) - zum Interview
    Hans Schilcher: Gründer und Vorstand von Jowood sowie Spieldesigner (Der Industriegigant, Der Verkehrsgigant)
    Ralf Adam: Langjähriger Produzent und Projektleiter für viele Jowood-Titel, unter anderem Spellforce und Die Gilde
    Stefan Berger: Seit 2001 bei Jowood tätig und zuletzt als Business Development Manager verantwortlich - zum Interview
    Alexander Jorias: Gründer und Geschäftsführer von Massive Development (Schleichfahrt, Aquanox, Aquanox 2: Revelation)
    Teut Weidemann: Gründer und Geschäftsführer von Wings Simulations (Panzer Elite und Söldner: Secret Wars)
    ...plus weitere "Zeitzeugen".

    Heute bei pcgames.de: Hans Schilcher, Produzent der erfolgreichen Giganten-Serie (Der Industriegigant, Verkehrsgigant, Transportgigant) und Leiter des Jowood-Studios Ebensee. Natürlich freuen wir uns auf eure Fragen und Kommentare rund um die Interviews und die Reportage.

    Erfolgreicher Ableger: In Der Verkehrsgigant legt man Bus- und Bahnlinien an - ein Eldorado für Tüftler. Erfolgreicher Ableger: In Der Verkehrsgigant legt man Bus- und Bahnlinien an - ein Eldorado für Tüftler. PC Games: Hans, du bist einer der Gründer von Jowood und 2002 von deinem Vorstandsposten zurückgetreten. Danach hast du bis 2005 das Studio Ebensee geleitet und seinerzeit extrem erfolgreiche Aufbauspiele wie Industriegigant, Verkehrsgigant und Transportgigant entwickelt. Kurzum gefragt: Wie geht's dir und was machst du heute?
    Hans Schilcher: Mir geht es ganz gut. Abgesehen davon, dass mich die Aussicht auf die nächste Geburtstagsfeier doch ein wenig erschreckt und Gedanken wie "Ich? Das muss ein gewaltiger Irrtum sein!" hervorbringt. Derzeit bin ich Art Director bei "Österreichs bestem Magazin für Musik & Popkultur". Ein spannender Job bei einem Medienkleinstverlag, der Monat für Monat vor neue Herausforderungen ("Wir haben leider nur dieses eine Bild") stellt. Zusätzlich habe ich die Homepage der Zeitschrift programmiert und bin für den Internetauftritt verantwortlich. Fast ein wenig wie in den Anfangszeiten, als man vieles noch einfach selbst gemacht hat.

    Damit fing alles an: Das Aufbauspiel Der Industriegigant verkaufte sich Mitte der 90er Jahre hunderttausendfach. Damit fing alles an: Das Aufbauspiel Der Industriegigant verkaufte sich Mitte der 90er Jahre hunderttausendfach. PC Games: Was hat Jowood letzten Endes aus deiner Sicht das Genick gebrochen?
    Hans Schilcher: Das Genick hat schon sehr früh angefangen bedenklich zu knirschen. Spätestens mit dem Börsengang und den implizierten völlig überzogenen Erwartungen wäre jemand nötig gewesen, der eine orthopädische Stütze verordnet hätte. Sprich, den Aktionären ungeachtet der Auswirkungen auf den Aktienkurs reinen Wein einzuschenken und die realen Möglichkeiten aufzuzeigen. Da das nicht passiert ist und in der Welt der Aktien auch nicht passieren darf, sind wir von Beginn an völlig atemlos und eigentlich auch chancenlos den von außen gestellten Anforderungen nachgehechelt. Eine wirtschaftlich gesunde Entwicklung war praktisch nicht mehr möglich. Mit der aufgezwungenen ersten Krise begann sich das Hamsterrad immer schneller zu drehen. Auch hier wurde die Chance für eine gesunde Neuaufstellung und Zukunftsorientierung verpasst. Das Schicksal der Firma wurde immer mehr von Leuten bestimmt, die keine Ahnung von der Branche hatten und leider auch keinerlei Fähigkeiten besaßen ein Konglomerat kreativen Potenzials in wirtschaftlich ertragreiche Bahnen zu lenken. Vom in der Kreativbranche notwendigen menschlichen Miteinander gar nicht zu sprechen. Die Situation lässt sich vielleicht am besten mit der geflüsterten Frage eines Entwicklerkollegen bei einem Studioleitermeeting darstellen: "Sind wir hier Grundschüler oder Entwickler?"
    Letztendlich kam es zu einem fortwährenden Kampfszenario, in dem Selbstdarstellung, Eigenvermarktung und selbstredend auch Nach-dem-Mund-reden mehr zählten und erfolgreicher waren als wirkliche Leistung. Dies ging so weit, dass persönliche Antipathien gnadenlos und entgegen aller wirtschaftlichen Sinnhaftigkeit ausgetragen wurden.
    Rückbesinnung und Konzentration auf die eigentlichen Kernkompetenzen war nicht erwünscht. Krampfhaft wurde nach "Visionen" gesucht, die den taumelnden Aktienkurs wieder in eine straffe Aufwärtsbewegung führen sollten. Diversifikation, Konsolen und Online-Spiele waren die Zauberwörter und wurden als "die Zeichen der Zeit" verkauft. Einwände, dass dies mit unseren nunmehr doch sehr beschränkten Möglichkeiten nur schwer machbar wäre und wir im Zug der Zeit bestenfalls noch Passagiere sein würden, wurden lapidar als old fashioned und engstirnig abgetan.
    Im Gegenzug wurde die bis dato geldbringende Entwicklung ausgeblutet und eigentlich notwendige Aktivitäten, wie Verbesserung der Vertriebswege, nur halbherzig betrieben. Es wurde schlicht nicht erkannt, dass man versuchte, sich in neue Bereiche anzusiedeln, die bereits von anderen sehr gut belegt waren, und dafür jedoch Nischen mehr oder minder kampflos aufgab, die teilweise bereits von uns besetzt waren und noch Ausbaupotenzial hatten.
    Damit wurde die Firma immer mehr von Glückstreffern abhängig und die Zeitvorgaben für Releases zwangsläufig immer unrealistischer. Entwickler wurden in Zeitpläne gedrängt, die sie mangels Alternativen und wider besseres Wissen zähneknirschend schlucken mussten. Oder Entwickler präsentierten Zeitpläne, die von vornherein nach den Wünschen des Publishers und nicht nach den eigenen Möglichkeiten ausgerichtet waren. Die Folgen sind hinlänglich bekannt, der Ruf nachhaltig ruiniert.
    Die Entscheidung, auf Eigenentwicklung komplett zu verzichten und nur mehr als Publisher zu fungieren, war schließlich nur mehr ein abschließendes Randphänomen, das ein elend langes Dahinsiechen erfolgreich eingeleitet hat. Man hätte nicht nur das Firmenlogo "modernisieren" sollen, sondern auch den Firmennamen ändern. Denn letztlich war Jowood bereits lange klinisch tot und von der ursprünglichen Firma nichts mehr zu sehen.

    PC Games: Der Clinch mit Entwicklern, Studios und Publishern wurde zwangsläufig recht öffentlich ausgetragen. Würdest du die These unterschreiben, dass sich JoWooD mehr mit sich selbst beschäftigt hat als mit der Entwicklung von Spielen?
    Hans Schilcher: Kann ich unterschreiben. Wie bereits angesprochen, waren die führenden Leute und auch der Mittelbau mehr mit sich selbst als mit den jeweiligen Projekten beschäftigt. Seilschaften mussten ausgebaut und der eigene Glorienschein poliert werden. Wobei hier sicherlich nicht nur die Publishing-Menschen die "Bösen" waren. Im Endeffekt ist es schlicht nicht gelungen, viele Kreative unter einer Dachmarke zu versammeln. Die Ansätze waren da, aber so wirklich wollte niemand vom eigenen Ding lassen. Aber wahrscheinlich war dies unter den gegebenen Rahmenbedingungen auch gar nicht möglich. In Summe hat hier wohl keiner dem anderen etwas vorzuwerfen. Denn die Querelen wurden gerne von beiden Seiten in die Öffentlichkeit getragen.

    PC Games: An welchen Moment deiner Arbeit für JoWooD denkst du am liebsten zurück? Welche Zeit möchtest du nicht missen (und warum)?
    Hans Schilcher: Als der PC-Games-Test von Industriegigant aus dem Fax getrudelt ist und wir eine halbe Stunde davor standen wie vor einer gefährlichen Schlange, der man sich besser nicht nähert, und es sich dann als überaus freundliche Kritik herausgestellt hat. Ungelogen an viele nette und lustige Begegnungen mit FachjournalistInnen (ich habe vor allem Studiobesuche trotz aller Nervosität immer sehr gemocht), EntwicklerkollegInnen und vielen anderen aus der Branche. Missen möchte ich vor allem die Zeit vor dem Börsengang nicht. Eine Zeit der Aufbruchsstimmung und der ungestörten kreativen Arbeit. Und trotz aller Schwierig- und Widrigkeiten sind es nur wenige Stunden der Arbeit im Studio Ebensee, über die ich das Mäntelchen des Vergessens werfen würde. Eine Zeit des Zusammenseins und Zusammenarbeitens, an die ich gerne zurückdenke, und so manche Menschen, die mir heute noch abgehen.

    PC Games: Egal, ob Die Gilde, Cultures, Patrizier oder Die Siedler: Immer mehr klassische Aufbauspiele werden als Browsergame wieder aufgelegt und sind sehr erfolgreich. Packt dich da nicht die Lust, noch mal zur Tastatur zu greifen und einen deiner Titel als Online-Spiel zu realisieren?
    Hans Schilcher: Ja, ich denke inzwischen wieder daran und bin am Grübeln und Tüfteln. Wobei mir eine klassische, aber zeitgemäße Neuauflage wahrscheinlich noch mehr Spaß machen würde. Spätestens seit "Cities in Motion".

  • Es gibt 4 Kommentare zum Artikel
    Von Marten-Broadcloak
    Hoffentlich gehen die Rechte von "Cultures" an wen vernünftiges, der entweder einen Reboot oder eine Fortsetzung macht…
    Von alius1
    Hans Schilcher war einer der letzten kreativen Stützen von Jowood. Während das Management den Welteroberungsphantasien…
    Von floppydisk
    hach allein der letzte satz lässt mein herz ein wenig schneller schlagen auch wenn ich weiß das so etwas nie passieren…
  • Print / Abo
    Apps
    PC Games 08/2016 PC Games Hardware 08/2016 PC Games MMore 08/2016 play³ 08/2016 Games Aktuell 08/2016 buffed 08/2016 XBG Games 03/2016 N-Zone 07/2016 WideScreen 08/2016 SpieleFilmeTechnik 07/2016
    PC Games 08/2016 PCGH Magazin 08/2016 PC Games MMORE Computec Kiosk On the Run! Birdies Run
article
825667
JoWooD Entertainment AG
Jowood-Themenwoche, Tag 5: Jowood-Gründer Hans Schilcher "Völlig überzogene Erwartungen"
Im Rahmen unserer Jowood-Themenwoche stellt sich heute einer der Gründerväter von Jowood unseren Fragen: Hans Schilcher, Erfinder von Der Industriegigant und einst Entwicklungsvorstand. Es gibt sicher nur wenige, die so nah dran waren an der Schaltzentrale. Und das Beste: Er spricht Klartext - was wirklich schief lief bei Jowood und warum sich der Börsengang im Jahr 2000 letztlich als Fluch herausstellen sollte.
http://www.pcgames.de/JoWooD-Entertainment-AG-Firma-15517/News/Jowood-Themenwoche-Tag-5-Jowood-Gruender-Hans-Schilcher-Voellig-ueberzogene-Erwartungen-825667/
22.05.2011
http://www.pcgames.de/screenshots/medium/2010/09/800px-JoWood_Productions.svg.png
jowood
news