Dreamfall: The Longest Journey
Als dritten spielbaren Hauptcharakter lernt man Kian kennen, eine Art kämpfenden Missionar. Seine Lebensaufgabe: Ungläubige im Auftrag seiner Herren zu Gott führen, notfalls mit Gewalt. Er bekommt die Anweisung, April auszuschalten, sieht sich jedoch früh mit moralischen Grundsatzentscheidungen konfrontiert - die temperamentvolle April weckt in dem Glaubensritter eine ihm unbekannte menschliche Seite. Er ist ein interessanter Charakter, der allerdings ein wenig zu kurz kommt und mehr Szenen verdient hätte.
Dreamfall jongliert mit Schauplätzen, ineinander verflochtenen Themen und Mysterien, dass es einem ganz schwindelig wird. Der Vorteil gegenüber Fahrenheit ist jedoch das stetige Niveau: Die Handlung beginnt überdreht und endet auch so, nimmt sich aber viel Zeit für seine Figuren und driftet nie ins Absurde ab. Ein erzählerisches Kunststück, dessen Ende eine Menge Fragen offen lässt - auch deshalb, weil es das Mittelstück einer Trilogie darstellt: Dreamfall 2 ist laut Schöpfer Ragnar Tornquist bereits fest eingeplant.
Spiel oder Film?
Auch wenn noch so viel Story und Charaktere auf einen niederprasseln, Funcom hat beim Gameplay geknausert. Ähnlich wie in Tomb Raider steuert man die Charaktere durch die traumhaft schönen 3D-Kulissen, sackt manchmal einen Gegenstand ein und führt lange Gespräche - schön und gut. Nur die Rätsel, das Salz in der Abenteuersuppe, kommen viel zu kurz. Bis auf eine Ausnahme waren wir beim Test zu keinem Zeitpunkt gefordert, jede Aufgabe löst man in Sekundenschnelle.
Kurz gesagt: Spielerisch ist zu wenig Fleisch an dem streng linearen Titel, zu oft genügt es, von A nach B zu laufen. Warum hat man hier nicht stärker den Vorgänger bedacht, der mit guten, kniffligen Rätseln punktete? So vergehen die geschätzten zwölf Stunden bis zum Ende des Spiels ohne jede Mühe, erfahrene Adventure-Spieler fühlen sich eher wie in einem Film als in einem Spiel, so häufig ist man zum Zusehen vedonnert.
Die technische Seite
Ein Blick auf die Screenshots genügt: Kein anderes Adventure sieht derzeit besser aus als Dreamfall: The Longest Journey. Besonders in Arcadia gibt es fantastische Texturen zu betrachten, angebracht etwa auf wunderschöner Architektur einer liebevoll modellierten Stadt. Bedauerlicherweise - und das ist die Kehrseite der Medaille -, sind die Areale sehr klein, Übergänge werden mit sekundenlangen Ladezeiten abgestraft.
Dafür entschädigt die schier grenzenlose Fantasie der Entwickler: Wenn man von einem exotischen Schauplatz zum nächsten wandert, muss man schlichtweg staunen. Ähnlich grandios ist die Musik, so orchestral und edel, wie es einem Abenteuer dieser Größenordnung zusteht. Bei der Steuerung war uns die Maus-Tastatur-Lösung nicht präzise genug, wer jedoch ein paar Minuten Einarbeitung nicht scheut, kommt damit klar - alle anderen benutzen besser ein Gamepad.
Bei der deutschen Version hat Publisher Dtp einen guten Job gemacht, die meisten Sprecher legen sich mächtig ins Zeug. Die englische Sprachausgabe ist allerdings immer noch einen Tick besser: Klasse, dass man jederzeit zwischen den Sprachen wechseln kann!

