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  • Böses Blut

    Wie viel Blut braucht ein gutes Spiel wirklich?

    Mahlzeit: Doom 3 schockte die E3-Besucher - mit technischer Brillanz und Splatter-Szenen. Mahlzeit: Doom 3 schockte die E3-Besucher - mit technischer Brillanz und Splatter-Szenen. Quelle: PCGames Steaks und Spiele haben eins gemeinsam: Wer's blutig mag, bestellt's "englisch". Der Unterschied: Selbst Erwachsenen wird in Deutschland die Entscheidung, wie viel Blut sie in einem Spiel sehen möchten, abgenommen - von den Spiele-Herstellern. In die Kategorie "Unzensiert und fern der Heimat" fallen nur wenige Spiele aus dem Action-Genre, darunter Operation Flashpoint, Deus Ex, C&C: Renegade, Indiana Jones und der Turm von Babel und Alone in the Dark 4. Doch während in der US-Version von GTA 3 überfahrene Passanten eine blutige Reifenspur hinterlassen, ist die deutsche Fassung "sauber". Die meisten Spieler vermissen solche "Features" natürlich nicht, andere wiederum sehen nicht ein, darauf verzichten zu müssen. Weniger wegen der roten Farbe, als vielmehr aus Prinzip.
    Die berechtigte Frage: Warum dürfen Franzosen, Holländer, Spanier, Schweizer und Österreicher unzensierte Versionen im Laden kaufen, Deutsche hingegen nicht? Sind wir unmündiger als unsere europäischen Nachbarn? Der Kauf von Original-Versionen gestaltet sich zunehmend schwierig: Counter-Strike-Anbieter Vivendi-Universal etwa belieferte Händler bislang zusätzlich mit US-Versionen. Seit Erfurt verzichtet man auf diesen Sonderservice bei Action-Spielen. No One Lives Forever 2 und Counter-Strike: Condition Zero können also nur bei Versendern im Ausland oder bei Import-Fachhändlern geordert werden - üblicherweise ein teurer Spaß. Günstiger, aber aufwendiger: Internet-"Selbsthilfegruppen" stellen Patches oder Schritt-für-Schritt-Anleitungen zur Verfügung, um durch gezielte Eingriffe in Ini-Dateien oder in die Windows-Registry den von den Spieldesignern vorgesehenen Originalzustand herzustellen.
    Wenn es nach Grundgesetz-Paragraph 5, Absatz 1 ("Eine Zensur findet nicht statt") ginge, wäre alles einfacher - Menschen bräuchten nicht als Roboter getarnt werden, Blut wäre rot und nicht lila oder "Öl". Doch da ist noch Absatz 2 - und darin wird Absatz 1 zugunsten des Jugendschutzes eingeschränkt. Demnächst werden die ohnehin strengsten Jugendschutzgesetze der Welt noch verschärft - dann darf die BPjM entsprechende Medien (also Bücher, Filme, Spiele, Websites) ohne Antrag indizieren. Erwachsene können indizierte Spiele zwar theoretisch noch kaufen, doch aus Einkaufsführern, Anzeigen und Kaufhaus-Regalen verschwinden entsprechende Titel. Für volljährige Spieler ärgerlich, für Hersteller eine Katastrophe. Also wird vorauseilend-gehorsam entschärft, gekürzt, gestutzt, entfernt, umgeschrieben, zensiert. Immerhin verringert das die Wahrscheinlichkeit einer Indizierung - eine Garantie gibt es nicht.
    Beispielsweise hat Take 2 extra für den deutschen Markt eine entschärfte Version von Max Payne produzieren lassen - mit 17 zum Teil gravierenden Änderungen (keine Molotow-Cocktails, kein Blut, keine Todesschreie, teilweise entfernte Zwischensequenzen etc.). 200.000 Dollar hat's gekostet, doch die BPjS sagte trotzdem "Nein!". Begründung: Man müsse immer noch auf Menschen schießen, um weiterzukommen. Das gänzlich unzensierte Operation Flashpoint hingegen, PC-Games-Spiel des Jahres 2001 und über 200.000 Mal verkauft, wurde nicht indiziert - wenngleich die simulierten Kriegsopfer im Bild bleiben. Just wegen dieser Unsicherheit wird lieber ein bisschen zu viel als zu wenig entschärft.
    Derzeitiger Weichspül-Weltmeister: Activisions Soldier of Fortune 2, dessen deutsche Story in einem Parallel-Universum spielt, wo Roboter Schweißnähte im Gesicht tragen. Manchmal haben die deutschen Niederlassungen Glück: Star Wars-konform wird in Jedi Knight 2 auf Blut verzichtet, allein das fachmännische Zerteilen der Gegner per Lichtschwert fehlt. Und der erfolgreiche Zweite-Weltkriegs-Shooter Medal of Honor: Allied Assault (dt.) kommt von Haus aus ganz ohne Blut aus. "Es mag überraschend klingen, aber dass in Medal of Honor Allied Assault (dt.) kein Blut zu sehen ist, hat gerade etwas mit dem Realitäts- und Authentizitätsanspruch der Entwickler zu tun", stellt EA-Pressesprecher Frank Herrmann klar. "Tatsächlich ist es nämlich in realen Gefechten sehr unwahrscheinlich, dass bei getroffenen Soldaten Blut zu sehen ist, da sie mehrere Lagen dunkle Kleidung tragen. Aber natürlich gibt es auch für die meisten Entwickler eine Grenze dessen, was sie an möglichen Verletzungen noch zeigen wollen. So genannte ,Splatter-Spiele' werden von EA nicht entwickelt."
    Von Electronic Arts nicht, wohl aber von Id Software: Die auf der Spielemesse E3 gezeigte Doom 3-Vorabversion schockte Spieldesigner und Journalisten gleichermaßen - "Widerlich!", "Übertrieben!", "Unnötig!" waren die Reaktionen auf herausquellende Eingeweide und abgerissene Gliedmaßen. Muss Doom 3 bis zur Unkenntlichkeit überarbeitet werden, um in einem deutschen Händler-Regal zu landen? Darf das US-Spiel überhaupt per Import angeboten werden? Ja, wenn es nicht als "gewaltverherrlichend" eingestuft wird. Dies wäre in Deutschland sogar eine Straftat - und würde mit Geld- oder Freiheitsstrafe geahndet (wenn auch bisher kaum angewandt, wie manche Politiker bedauern). Im Klartext: Import-Händler und Online-Versender stünden mit einem Bein im Knast, machten sie ein gewaltverherrlichendes Spiel den Fans zugänglich.
    Doch haben wirkliche gute Spiele solch übertriebene Splatter-Orgien überhaupt nötig? Machen sie das Spiel besser? Die Lesermeinungen auf diese in einer PC-Games-Kolumne gestellten Fragen fielen erwartungsgemäß sehr unterschiedlich aus. Tenor: Blut in filmkompatiblen Maßen ja, Splatter-Szenen eher nein - vor allem in Anbetracht der Tatsache, dass die technischen Fortschritte immer realistischere Gesichtszüge und Animationen zulassen. In einem Punkt sind sich jedoch alle einig: Niemand will sich vorschreiben lassen, welches Maß an Blut und Gewalt er sich als Erwachsener zuzumuten hat - erst recht nicht indirekt von Behörden durch Entschärfungen.
    Zu Kolumne und Doom-3-Vorschau erreichten uns Hunderte von E-Mails und Briefen. Eine Auswahl:
    Christian Ciemniak: "Ich denke, dass es keinen wirklichen Filmliebhaber gibt, der möchte, dass irgendjemand das Werk des Regisseurs verstümmelt. Und für mich verhält es sich genauso bei Computerspielen."
    Martin Grön: "In Zeiten, in denen alles immer realistischer anmutet, finde ich es unangenehm, "physikalisch korrekte Blutfontänen und -bäche" zu beobachten. Doom 3 wird wohl das erste Spiel sein, bei dem ich den 'Anti-Blut-Riegel' vorschieben werde."
    Mario Cettl: "Auf die Frage, ob die Bluteffekte das Spiel besser machen, hätte ich eine Gegenfrage: Machen die ganzen Bäume den Wald schöner?"
    Tim Cappell: "Wenn Gewalt in einem Spiel schon der Hauptbestandteil ist, sollte es ruhig extrem blutig sein. Ich bin der Meinung, dass witzig-übertriebene beziehungsweise entschärfte Gewaltdarstellung Kindern und Jugendlichen mehr schadet, als eine extrem realistische Darstellung."
    Karsten Bohmeier: "Was empfinde ich als störend? Sinnlose Gewalt. Wenn ein Spiel seine Motivation daraus bezieht, möglichst viele Kreaturen (egal, ob Menschen, Monster oder Aliens, da mache ich keine Unterschiede) zu killen, sich in langen (unnötigen) Gewaltorgien ergeht, dann ist dieses Spiel ein heißer Kandidat für meinen ganz persönlichen Index."
    Dirk Sommer: "Ich halte manche 'deutsche Version' für gefährlicher, was die Aussage betrifft. Beispiel: Half Life (dt.): Wenn ein Mensch erschossen wird, setzt er sich hin und jammert. Als ich das sah, wusste ich ehrlich gesagt nicht mehr, ob ich lachen oder heulen sollte. Warum ist das denn bitte besser als den Tod darzustellen? Was ist denn jetzt die Aussage der Änderungen? Dass, wenn ich auf einen Menschen schieße, er nicht stirbt? Dass Gewalt keine endgültigen Konsequenzen mit sich bringt? Dass Waffen harmlos sind?"
    Marco Büttinghausen: "Ich will nicht sagen, das wir wirklich alles auf unserem Monitor dulden sollten, aber wir haben die freie Wahl. Im Fernsehen schalten wir um, wenn uns das Programm nicht gefällt, das gleiche Recht zur freien Entscheidung sollten wir am Computer auch haben. Ich fühle mich schon stark gegängelt, wenn mir jemand mit meinem 25 Jahren erzählen will, was ich sehen darf und was nicht."
    René Brungs: "Ich bin nach den ersten Screenshots von Doom 3 auch nicht sicher, ob ich das Spiel mögen werde. Die Grafik ist nämlich nicht nur sehr gut, sondern auch sehr krank. Ich war nie ein Fan von Splatter-Movies, aber es scheint, dass Id genau die Sorte Spieler bedienen will."
    Manuel Fricker: "Ich hab noch nie weggucken 'müssen' bei einem Spiel. Bei Filmen sieht's schon anders aus, da dreh ich mich schon mal weg vom Bildschirm, wenn zum Beispiel ein Bleistift in der Achillessehne rumstochert, auch wenn es in einem absolut unrealistischen Umfeld geschieht. Die Bilder sind assoziierbar mit der Realität oder einfach mit dem eigenen Körper. Und genau das macht den Schockeffekt bei mir aus. Dass Angedeutetes à la Hitchcock besser ankommt als sichtbare Gewalt, kann ich natürlich nur unterstützen. Splatter trägt selten was bei zur Atmosphäre, schocken kann es mich schon gar nicht. Aber die Schatten und Geräusche, ja, die treiben mir schon mal den Schweiß auf die Stirn und den Puls in die Höhe."
    Lahbaid: "Wenn ich weiß, ich werde mir demnächst ein Spiel kaufen, welches Doom 3 heißt, dann weiß ich im Vorfeld schon, was mich bei einem Psycho-Schocker-Spiel erwartet - und zwar ein Ambiente, welches versucht, in mir Angst zu erzeugen. Damit dies geschehen kann, sollte eine gewisse Realitätsnähe vorhanden sein. Als Käufer und Spieler erwarte ich so etwas auch."
    Werner K.: "Wäre die Tabakindustrie gezwungen, ähnliche Kapriolen zu schlagen, um weiterhin ihr Kraut an den Mann/die Frau bringen zu dürfen, so wären sämtliche Rauchwaren bald in Bonbon-Tüten verpackt -und zudem jeder Glimmstängel mit mindestens 50 Prozent getrocknetem Kräutertee versetzt. Von der grünen Farbe ganz zu schweigen..."
    U. Schleicher: "Bezeichnenderweise ist Gothic mein absolutes Lieblingsspiel, welches ohne Splatter und Blutkübeln, aber mit vielen Ideen und einer tollen Story daherkommt. Und Doom 3 benötigt doch eigentlich gar nicht diese 'Sensationen'. Eigentlich wollte ich mir auch den dritten Teil wieder kaufen. So aber überlege ich es mir, ob ich das nötig habe."
    Andreas Plafka: "Für eine Art Blut-Patch ist Jedi Outcast ein gutes Beispiel: In Star Wars Spielen wird grundsätzlich auf Blut verzichtet. Die Spiele sind so geschickt gestaltet, dass dies gar nicht auffällt und keiner spritzendes Blut vermissen wird. Durch den 'Blut-Patch' wird lediglich ein Feature aktiviert, durch das die Teilung von Gegnern durch das Lichtschwert mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit nach dem Zufallsprinzip ermöglicht. Dies ist aus meiner Sicht ein Feature, das auf Grund der Analogie zum Film eigentlich nicht gestrichen werden sollte."
    Maxi: "Ich denke das ist wie bei einem guten Horrorfilm: 'Gruselig ist das, was der Zuschauer sich im Kopf denkt, nicht, was er sieht' (John Carpenter). Ich kenne selbst hartgesottne Action- und Horrorfans, die meinen, dass Doom 3 eine Stufe zu hart wäre."
    Rick: "Es kommt auf das Spiel als Ganzes an, aber solche Splatter-Orgien sind wirklich nicht notwendig. Ein Spiel kommt auch ohne übermäßig viel Blut aus, Blut-Patches halte ich für idiotisch. Wenn ich mir Originalversionen kaufe (was ich immer tue), so tue ich das wegen der Sprache (englische Sprache wirkt einfach besser als die Deutsche) und wegen den Originalstimmen in den Videos und nicht wegen dem Blut."

    Bildergalerie: Doom 3 (dt.)
    Bild 1-3
    Klicken Sie auf ein Bild, um die Bilderstrecke zu starten! (4 Bilder)
  • Doom 3 (dt.)
    Doom 3 (dt.)
    Developer
    id Software
    Release
    12.08.2004
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Doom 3 (dt.)
Böses Blut
Wie viel Blut braucht ein gutes Spiel wirklich?
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25.07.2002
http://www.pcgames.de/screenshots/medium/2002/05/ACF80FE.jpg
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