Deutscher Computerspielpreis: Der PC-Games-Kommentar zur Premiere
Das Schwarze Auge: Drakensang wurde "Bestes Deutsches Spiel" und "Bestes Jugendspiel".
Am Abend zuvor hatte Seehofer noch alle Zeit der Welt, um alte Männer mit langen Bärten und lustigen Hüten in der Münchner Staatskanzlei zu begrüßen: die bayerischen Gebirgsschützen. Jetzt ist der Parteichef offizieller Schutzherr der Ballerkönige, die mit dicken Karabinern die Tradition einstiger Alpenarmeen aufrecht erhalten. Ein "Herzensanliegen" sei ihm das. Papst Benedikt XVI ist übrigens auch im Klub. In einem Land, in dem der fränkische Hilfs-Sheriff Joachim Herrmann ohne Strafverfolgung Computerspiele mit Kinderpornographie und Drogen vergleichen und als "Tötungstrainingssoftware" bezeichnen darf, wundert einen nichts mehr. "Allen Freunden von guten digitalen Spielen ein herzliches Grüß Gott in Bayern", heißt es im Grußwort des Ministerpräsidenten. Wenn man nicht wüsste, dass im bayerischen Etat für 2009 mehrere hunderttausend Euro für die Förderung von Spieleentwicklung im Freistaat reserviert wurden, könnte man das auch übersetzen mit "Schaugt's, dass eich schleicht".
Der angereiste Austauschspieler, Bayerns Medienminister Siegfried Schneider, macht seine Sache gut. Findet am Abend der Preisverleihung lobende Worte. Mahnt zur Besonnenheit. Und fordert innovative, kreative, "wertvolle" Spiele. Preise im Gesamtwert von 600.000 Euro werden in zwei Stunden an deutsche Spielestudios verteilt - eine Menge Geld, je zur Hälfte gestiftet von der Bundesregierung und von der Spieleindustrie. Das prächtige Rollenspiel Das Schwarze Auge: Drakensang aus dem Hause Radon Labs räumt alleine gut die Hälfte der Summe ab: 300.000 Euro gibt es insgesamt für das "Beste Jugendspiel" und das "Beste deutsche Spiel". Eine Wahl, mit der sicher jeder kundige Spieler gut leben kann: Drakensang ist mit viel Liebe gemacht, hat hohen Wiederspielwert, eine klasse Atmosphäre, sieht toll aus und ist weitestgehend bugfrei. Nicht selbstverständlich, wie das ebenfalls eingereichte Sacred 2 belegt.
Kein Geld, aber immerhin eine schöne Statue gab es für das beste internationale Spiel: Nintendos Wii Fit und Sonys Little Big Planet für die Playstation 3 teilten sich die Ehre - auch das kann man sicherlich unterschreiben, zumal beide Spiele den Anspruch des "pädagogisch" oder "kulturell" wertvollen Spieldesigns erfüllen. Weitere Preisträger: das irre erfolgreiche Browsergame Ikariam, das schmucke Nintendo-DS-Schachspiel Fritz & Fertig und Crazy Machines, ebenfalls für den DS.
Das Playstation-3-Spiel Little Big Planet wurde "Bestes internationales Spiel" ebenso wie...
Zugegeben, diese Spiele sind nicht die Krönung der Schöpfung, zumal der technologisch möglichen. Wo sind all die Kracher aus den Charts, ein Grand Theft Auto 4, ein Fallout 3, ein Call of Duty, ein Bioshock? Die Schlaumeier von der Süddeutschen Zeitung zum Beispiel schreiben heute: "Spiele mit einer Altersfreigabe ab 16 oder 18 Jahren fanden sich in keiner der preiswürdigen Kategorien. Dem Thema Gewaltspiel gingen die Veranstalter somit trotz aktueller Diskussion um das Verbot von Killerspielen weitestgehend aus dem Weg."
Mit Verlaub, das ist Unsinn. Im fraglichen Zeitraum gab es kein in Deutschland entwickeltes Spiel mit einer USK-Altersfreigabe von 16 oder 18 Jahren, das man hätte einreichen, nominieren oder prämieren können. "Jahaha, was ist denn mit Crysis?" - Erschien bereits 2007. "Und Crysis Warhead?" - Wurde in Osteuropa programmiert. Zwar mit deutschem Motor (= Cryteks Engine), aber das macht einen SEAT Ibiza mit Wolfsburger Antrieb auch nicht zwangsläufig zum "Deutschen Auto des Jahres". "Ha! Sacred 2: Fallen Angel - Oktober 2008, USK 16" - richtig. Aber in welcher Kategorie? "Bestes mobiles Spiel"? Und: Darf man ein Spiel mit so vielen mitgelieferten Fehlern auch noch mit einem solchen wichtigen Preis belohnen?
... Wii Fit für Nintendo Wii.
Als sich die zweistündige Verleihung dem Ende näherte, rutschte Laudator Reiner Calmund bereits nervös auf dem Stuhl herum, denn hinter den Büffettischen lüfteten die Köche bereits die Warmhaltedeckel über den dampfenden Näpfen. Calli? Was macht der denn da? Nun, der rasende Rheinländer hat nicht nur eine eigene Second-Life-Butze, sondern auch mehrere Kinder und gefühlt zwei Dutzend Enkel und ist deshalb mehr als berufen, um And-the-winner-is-Umschläge zu öffnen und Schwänke aus den Umkleidekabinen der Bundesliga zu erzählen. Die Wahrheit lautet: Wie bei solchen Veranstaltungen üblich, sorgen A-, B- und C-Prominente wie Regina Halmich, Ruth Moschner und der "Willi will's wissen"-Willi für etwas Glamour und Blitzlichtgewitter.
Die Fragen der Vertreter von Funk und Fernsehen an Preisträger, Politiker und Publisher drehen sich weniger um die prämierten Spiele, sondern mehr um das K-Wort: Darf man diese verruchte Amoklauf-Industrie mit Steuergeldern zuschütten - zwei Wochen nach Winnenden? Ich meine: Man darf. Man muss. Deutsche Studios brauchen Unterstützung und Förderung, genauso wie der deutsche Film. Ohne diese Millionen sind (erfolgreiche) Filme wie Die Wilden Kerle, Männersache, Der Baader-Meinhof-Komplex oder Das Parfüm überhaupt nicht zu finanzieren. Deutschland braucht eine starke Entwicklerlandschaft mehr denn je. Es ist ohnehin eine Schande, dass die Jury (dazu gehört die Autorin dieser Kolumne) unter den eingereichten Titeln kein einziges Spiel gefunden hat, das als "Beste Innovation" taugt. Oder würden Sie Alarm für Cobra 11, Die Siedler oder Wii-Skispringen als innovativ bezeichnen?
Und nächstes Jahr? Zu den Favoriten zählen voraussichtlich das Aufbauspiel Anno 1404, das Piranha-Bytes-Rollenspiel Risen, Spellbounds Arcania, Battleforge von EA Phenomic (Spellforce 1+2), Das Schwarze Auge: Demonicon von The Games Company, das Adventure The Book of Unwritten Tales, Venetica von Deck 13 (Jack Keane, Ankh) und natürlich Gerald Köhlers Fußballmanager 2010.
Wenn im März 2010 der Preis in Berlin verliehen wird, dürfte zumindest dafür gesorgt sein, dass der Seehofer der Hauptstadt mitfeiert - Klaus Wowereit als Regierender Bürgermeister lässt sich bekanntlich keine Party entgehen. Und das ist auch gut so.
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Sehr unterhaltsam zu lesen. Solche Artikel würde ich auch gerne im Heft lesen.