Der Pate
Electronic Arts hat aus dem ersten Mafiadrama der Filmgeschichte ein brutales Action-Spiel gemacht: In Der Pate wird geprügelt, geschossen und gerast.
Paulie hat den Don verraten. Dafür muss er sterben.
Die einsame Trompetenmelodie, die nach dem Spielstart erklingt, weckt falsche Vorstellungen. Sie beschwört Bilder eines Films, der im bedächtigen Tempo die Geschichte einer italienischen Immigrantenfamilie in Amerika erzählt. Sie ruft Szenen ins Gedächtnis, in denen Männer in Hinterzimmern Krisensitzungen abhalten, weil ihnen die Freunde durch Mordanschläge wegsterben. Die Melodie, seinerzeit von Nino Rota komponiert, ist die Hymne dieser Gangster.
Im Spiel hingegen ist sie Auftakt einer hemmungslos brutalen Baller- und Prügelorgie. Die sorgfältig akzentuierten Gewalt-szenen des Kinovorbilds haben die Entwickler zum Hauptinhalt aufgeblasen, die fein gezeichneten Figuren und ihre Dialoge untereinander sind als Fragmente in den Zwischensequenzen übrig geblieben. Electronic Arts hat den berühmtesten Mafiastreifen zum wilden Action-Spiel verbaut.
Schon das Präludium macht klar, dass Der Pate am liebsten Fäuste sprechen lässt: Johnny und seine Frau planen auf der Straße gerade ihr Abendprogramm, da explodiert ein Laden. Zwei Männer kommen an und verschleppen Johnny in eine Gasse. Dort platziert sich die Kamera hinter ihm, der Spieler darf Johnny lenken: Mit der rechten Maustaste werden die Gegner anvisiert, die Tasten "Q" und "E" lassen Schläge auf die Kontrahenten einprasseln.
Kinnhaken folgen in der Geschwindigkeit einer tackernden Nähmaschine, danach Fußtritte, wenn der Geschlagene schon am Boden liegt. Die Prügelei endet in Maschinengewehrsalven, die Johnny blutüberströmt am Boden zurücklassen. Der Junge, der daraufhin ins Bild stürmt und seinen dahingerafften Vater Rache schwörend anblickt - das sind Sie, die spätere Spielfigur im New York der Vierziger- und Fünfzigerjahre.
Ein Schuss Rollenspiel
Am Boden kullern die Früchte, Don Vito Corleone gesellt sich gleich zu ihnen. Sollozzos Attentat auf den Paten geht jedoch glimpflich aus, wie Kenner des Films wissen.
Man könnte Der Pate anfangs mit einem Online-Rollenspiel verwechseln, wüsste man es nicht besser: Sie dürfen Ihren Held bis auf Wangengrübchen, Nasenlochgröße und Brauendichte zusammenstöpseln und ihn dann einkleiden. Die richtig feschen Outfits gibt es erst später, wenn Sie durch kriminelle Machenschaften genügend Geld verdient haben.
Sie starten als Nobody, als Problemlöser, wie es im Mafia-Jargon heißt, der für die Großen die Drecksarbeit erledigt. Luca Brasi, Scherge der Corleone-Familie, ist Ihnen als eine Art Lehrer zugeteilt, mit ihm erleben Sie ein erstes Abrutschen in die Gewalt: Auftrag Nummer 1 ist es, von einem Ladeninhaber Schutzgeld zu erpressen. "Cash oder Leben", sagt Ihre Spielfigur, als Sie das Opfer per Leertaste am Kragen packen. Ein echter Mafioso würde sich nie zu einer solch plumpen Drohung hinreißen lassen, aber das ist nicht die einzige Entgleisung, die dem Spiel Authentizität absaugt.
Wenn der Inhaber nicht spurt, helfen Ihre beiden Freunde "Q" und "E" weiter. Eine Anzeige am Bildschirmrand verrät, wann der Gegenspieler genug hat und das Angebot annimmt. An Zahltagen kommt fortan die Kohle rein. Die Sache mit dem Schutzgeld ist beim ersten Mal spaßig, weil wunderbar gemein. Später wird sie zur Pflichtübung: Damit Missionen zugänglich werden, bedarf es der Kontrolle einer bestimmten Anzahl an Läden.
