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Crysis 2 (PC)

Release:
11.04.2011
Genre:
Action
Publisher:
Electronic Arts

Crysis 2 - Eine Schönheit ohne Herz - Leser-Test von Dativ

29.06.2011 12:33 Uhr
|
Neu
|
Weg vom Grafikblender, hin zum spielenswerten Action-Spaß mit interessantem Gameplay und langer Spielzeit - das wollte Crytek mit Crysis 2 nach eigenen Worten so oder so ähnlich wahr machen. Was dabei heraus gekommen ist, ist wieder ein Grafikblender - genauso schön, aber von einer so unglaublichen Inkonsequenz gezeichnet, dass einem die Tränen kommen könnten. Ich schreibe sonst wirklich keine Reviews zu Spielen, die ich nicht fertig gespielt habe. Aber das hier muss einfach sein. Warum, versuche ich im Folgenden ein wenig zu beschreiben.

Crysis 2 - Eine Schönheit ohne Herz - Leser-Test von Dativ MAXIMUM Ausgangssituation

Crysis 1 begann ganz ruhig, beschränkte sich auf interessante und spaßige Schießereien gegen Koreaner und wurde dann im letzten Drittel des Spiels fast zu einem Katastrophen-Thriller, als die Aliens die Bühne vollends betraten und den damaligen Inselschauplatz einfroren. So ähnlich endete auch das Spiel und die Verkündung, dass Crysis 2 jetzt in New York spielen würde, entzückte mich ungemein. Jetzt würden die Aliens also aufs Festland, dort alles einfrieren, Massen von Menschen dezimieren und das totale Chaos ausrufen, das ich im Kino gerne von Michael Bay inszeniert sehen möchte.

Teilweise trifft das auf die Ausgangssituation von Crysis 2 auch zu - die Aliens sind also jetzt in New York, haben die Stadt schön zerlegt. Zusätzlich gibt es noch einen Virus, der die Menschen schön hinrafft - kurzum, die perfekte Voraussetzung für gute Action und die von mir herbeigesehnte Katastrophe.

Der Held selbst ist ein Marine, der den aus dem ersten Teil bekannten Nanosuit von einem Charakter aus Teil 1 "geschenkt" bekommt und fortan von allen möglichen Sonderkommandos (und natürlich Aliens) gejagt wird. Irgendetwas hat der Suit mit der Invasion zu tun - ich wollte nur am Schluss nicht mehr herausfinden, was.

Die Aliens haben nichts mehr mit dem ersten Teil zu tun und verhalten sich auch nicht mehr so. Die Aliens haben nichts mehr mit dem ersten Teil zu tun und verhalten sich auch nicht mehr so. MAXIMUM Gameplay

Kurz nachdem man sich mit der grundlegenden Steuerung vertraut gemacht hat, wird klar: Was das Gameplay angeht, hat Crytek seine Aufgaben sehr gut gemacht. Der Nanosuit ist fast immer noch so funktional wie im ersten Teil und lässt sich jetzt noch einfacher bedienen. Man kann sich tarnen, einen Schild aktivieren, rennen, hoch springen - alles auf Knopfdruck und ohne das lästige Fertigkeitenmenü aus dem ersten Teil. Das bietet wie schon im Vorgänger interessante Möglichkeiten, die das Leveldesign auch zulässt! Ja, New York ist enger als die Insel aus dem ersten Teil. Im Grunde genommen läuft man nur noch durch Schlauchlevels (ja, man läuft; Fahrzeuge gibt es zwar auch, diese nehmen aber nur noch einen sehr kleinen Stellenwert ein), aber innerhalb dieser Schläuche hat man die Freiheit, die man sich gerne wünscht. Fast immer gibt es mehrere Wege, die man gehen kann - man kann den Rambo-Weg geradeaus gehen, den Gegner flankieren oder theoretisch sogar schleichen. Das man seine Waffen upgraden kann und mit gefundenem Nano-Catalyst (irgend so ein Zeug, was die Aliens fallen lassen) neue Fertigkeiten hinzugewinnt, ist ein sehr schönes Feature, das sich gut ins Spiel integriert und zusätzliche Möglichkeiten bietet. Das ist gut, das ist abwechslungsreich, das macht Spaß.

Eine der wenigen Stellen, in denen man im Fahrzeug unterwegs ist. Eine der wenigen Stellen, in denen man im Fahrzeug unterwegs ist. MAXIMUM Casual

Das Problem ist nur: Im Zuge der sich wie ein Virus ausbreitenden Casualisierung der heutigen Spielewelt wird mir so viel davon vorgekaut, dass ich eigentlich gar nicht mehr selbst nachdenken muss. Das Spiel sagt mir auf dem normalen Schwierigkeitsgrad, wann ich mein Tarnfeld aktivieren sollte, wann sich die Rüstung anbietet und so weiter. Schlimmer noch: Der sprechende Nanosuit sagt einem sogar, wann "taktische Optionen" verfügbar sind. Dann scanne ich das nächste Gebiet und das Spiel zeigt mir mit gelben Pfeilen, wo ich eine Granate hinschmeißen sollte, wo ich schleichen und wo tarnen kann. Ich brauche gar nicht mehr zu überlegen, welche Situation ich wie lösen kann. Die Motivation, das Spiel mehrmals durchzuspielen, ist eigentlich nicht vorhanden - ich weiß ja sowieso schon, was es noch sonst so für Möglichkeiten gibt. Ich finde so etwas traurig! Sind die heutigen Spieler zu blöd? Zu primitiv? Wollen sie keine Herausforderungen mehr? Ich kann mir das gar nicht vorstellen. Aber das, was Crysis 2 hier präsentiert zeugt von Armut! Es kann sein, dass zumindest die Nanosuit-Tipps im höheren Schwierigkeitsgrad wegfallen, aber meiner Meinung nach sollte sowas höchstens auf "einfach" verfügbar sein und sonst gar nicht.

Nicht nur die Effekte, sondern auch die Farbgestaltung und das Design sind wirklich mehr als gelungen! Nicht nur die Effekte, sondern auch die Farbgestaltung und das Design sind wirklich mehr als gelungen! MAXIMUM Grafik

Zurück zu den schönen Seiten. Crysis 2 sieht atemberaubend aus. Nein, nicht nur wegen der Grafik an sich, sondern auch die Stadt selbst, die durch sie erschaffen wird. Ich finde das Setting weitaus schöner und stilvoller als die Insel aus dem ersten Teil. Crytek versteht es durchaus, imposante Bauten zu erstellen. Dabei kommt auch das Abwechslungsreichtum nicht zu kurz - es macht einfach Spaß, durch die Häuserschluchten zu rennen, auf Dächern herumzuspringen oder auch in den gut gemachten Bürogebäuden zu hechten. Auch was die Farbgestaltung angeht, leistet sich Crytek überhaupt keine Fehler. Mir ist es egal, ob die Effekte im Vergleich zum ersten Teil etwas zurückgedreht wurden - das Ambiente ist einfach stilvoller und darum geht es mir.

Die Aliens tauchen nur dann auf, wenn das Drehbuch es so will. Ein durchgehendes Gefühl von Invasion gibt es nicht. Die Aliens tauchen nur dann auf, wenn das Drehbuch es so will. Ein durchgehendes Gefühl von Invasion gibt es nicht. MINIMUM Drama

Was dem Spiel aber letztendlich das Genick bricht, ist seine Inszenierung. Noch nie (und das meine ich wirklich ernst) habe ich in so schöner Grafik, einer so guten Ausgangssituation und dem offensichtlich vorhandenen Können des Entwicklerstudios so ein dramaturgisch und inszenierungstechnisch schwaches Spiel erlebt. Ich hatte beim Spielen fast durchgehend den Eindruck, als habe man die Levels designt und dann ohne jeglichen Kontext mit Gegnern gefüllt. Das fängt bereits am Anfang an, wenn man zum ersten Mal hinaus auf die Straßen von New York tritt. Da ist kein Mensch, kein Flugzeug, kein Anzeichen von Panik, Chaos, Katastrophe. Stattdessen schießt man auf diese Spezialeinheiten, wobei man anfangs eigentlich nicht wirklich weiß, warum. Aliens gibt es bis Level 3 auch keine - man hat das Gefühl als hätte sich jeder mit dem abgefunden, was da passiert.

Und es kommt noch schlimmer. Level für Level läuft man durch New York und stellt fest, dass keine Menschenseele auf der Straße ist. Keine! Das Virus ist meiner Meinung nach ein völlig dreister Versuch, diesen Kritikpunkt storymäßig zu erklären, aber ich kaufe den Autoren das so nicht ab! Da haben Aliens unsere Welt angegriffen! Es ist ok, wenn sich die Menschen irgendwo in eine Sicherheitszone verkrochen haben - aber doch nicht alle! Stattdessen trifft vor allem in der ersten Hälfte des Spiels nur Menschen, auf die man schießt - und das fühlt sich einfach schrecklich an. Die Erde hat also nichts Besseres zu tun, als auf sich selbst zu schießen? Die Aliens sind egal?

Apropos Aliens: Die schalten sich grade dann ein, wenn das "Drehbuch" es so will. Zuerst gibt es überhaupt keine Aliens - man hat das Gefühl, die sind schon wieder weg. Dann tauchen sie plötzlich mal kurz auf (in einer gut gemachten Skriptsequenz, die aber dann so furchtbar einfallslos im Sand verläuft, dass man weinen möchte), sind dann aber wieder weg. Etwa zur Hälfte des Spiels sind sie dann plötzlich überall und New York ist voll von Tentakeln... bitte was?

Und es geht noch weiter: Mein Hauptcharakter (ein Marine) bekommt den Anzug und erhält fortan Befehle von einem seelenlosen Charakter, dem er ohne zu zögern folgt. Warum macht er das? Was treibt ihn an? Auch darüber gibt es keine Auskunft. Und bevor mir jemand unterstellt, ich könnte das nicht beurteilen, weil ich das Ende noch nicht gesehen habe - das ist mir egal. Denn Crytek versucht gar nicht erst, Neugier und Spannung aufzubauen angesichts der Unglaubwürdigkeit. Ich würde es dem Team aus Frankfurt überhaupt nicht abkaufen, wenn sie mir plötzlich eine hanebüchene Erklärung liefern würden, denn ich fühle mich einfach nicht als die Person, die ich verkörpere, weil ich sie nicht glaubhaft finde!

Das Ende von Crysis 1 geht in eine Richtung, die im zweiten Teil nicht fortgeführt wird, noch nicht einmal fortgeführt werden möchte. Da wird mit Erwartungen gespielt, die man bewusst nicht erfüllen will - und spätestens nach 4-5 Levels merkt man, dass man eigentlich gar keine wirkliche Fortsetzung spielt. Dass die Aliens nicht mehr so aussehen wie im ersten Teil, kann ich durchaus noch verschmerzen. Dass sie sich aber plötzlich total anders verhalten und auch keine Eiskanonen mehr einsetzen, passt für mich überhaupt nicht.
Mit jedem Level habe ich die Lust verloren, weiterzuspielen. Es hat mich einfach nicht mehr interessiert, was da passiert. Da war keine Spannung, kein Drama - vor allem keine Glaubwürdigkeit. Man läuft durch eine Ansammlung von wild zusammengebastelten Szenen, die im Gesamtkontext überhaupt keinen Sinn ergeben. Ich muss zu meinem eigenen Entsetzen feststellen, dass wahrscheinlich selbst das im Herbst erscheinende Modern Warfare 3 mit veralteter Grafik eine bessere Immersion von Chaos in New York inszenieren wird als dieses Spiel es tut. Tun sollte.

Menschen gibt es leider fast keine. Dass ein Virus in New York alles dahinrafft, fühlt sich nicht wie eine befriedigende Erklärung an. Menschen gibt es leider fast keine. Dass ein Virus in New York alles dahinrafft, fühlt sich nicht wie eine befriedigende Erklärung an. MAXIMUM Spiellänge

Was man dem Spiel aber wieder hoch anrechnen muss, ist die Länge. Ich habe etwa bis zur Hälfte gespielt, bevor es mir gereicht hat. Und ich war wirklich verhältnismäßig lange dran. Das liegt zum einen an der generellen Länge der Levels und zum anderen natürlich auch an der verhältnismäßigen Weitläufigkeit. Hinzu kommt auch noch die Tatsache, dass es durchaus knifflige Szenen gibt, die man aufgrund fehlender Quicksave-Funktion mehrmals spielen muss. Als Sahnehäubchen gibt es noch einen Multiplayermodus, den ich mir aber nicht mehr angeschaut habe. Den Videos nach spielt es sich scheinbar so wie Call Of Duty mit Nanosuit-Fähigkeiten. Natürlich lasse ich den MP nicht in die Wertung mit einfließen. Es sei aber gesagt, dass sich das Geld auch für den Singleplayer wegen der Länge schon lohnen würde, wenn es denn gut wäre. Aber das ist es nach meiner Meinung überhaupt nicht.

MAXIMUM Enttäuschung

Ich fass es einfach nicht. Da hat man so ein tolles Grafikgerüst, so tolle Level- und Artdesigner und paart sie mich solch unfähigen Drehbuchautoren und Projektleiter, die scheinbar die Levels getrennt und ohne Gesamtkontext haben entwickeln lassen. So gut das Gameplay und die Grafik auch ist - es lässt einen kalt, weil man die Stimmung, das Chaos und die im Vorgänger entfachte Katastrophenszenerie nicht spürt. Die Marke Crysis ist so für mich gestorben - es kann eigentlich nicht mehr besser werden, nachdem man diese völlig inkonsequente Richtung eingeschlagen hat. Den Spielern, die überhaupt keinen Wert auf Handlung und Atmosphäre legen und vor allem Spaß an guten Schießereien und abwechslungsreichem Gameplay haben, kann ich das Spiel durchaus empfehlen. Aber wer auch nur einen Hauch von Dramaturgie erwartet, sollte Crysis mit dem ersten Teil als beendet ansehen.

Spielspaß Singleplayer

Wertung von:
Dativ

66%
PC GAMES
Spielspaß-Wertung
90%
Spielspaß Multiplayer
0%
Grafik
9/10
Steuerung
9/10
Sound
7/10
Atmosphäre
4/10
Neuer Benutzer
Moderation
29.06.2011 12:33 Uhr
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Dein Kommentar
Neuer Benutzer
Bewertung: 0
16.10.2011 17:21 Uhr
Ich kann mich nur anschließen, was mir am meisten gefehlt hat ist die Verbindung zum Vorgänger. Was ist weiters auf der Insel, mit Nomad und Psycho, geschehen? Und vor allem, warum ist es so kurz? Technisch perfekt wie immer aber Crysis 2 könnte eigentlich auch:" World Invasion - New York" heißen! denn mit dem "alten" Crysis hat es nichts mehr am Hut.
Erfahrener Benutzer
Bewertung: 0
10.09.2011 19:37 Uhr
Zitat: (Original von Shadow_Man;9347948)
Das Problem der Crytek-Spiele ist meist folgendes: Sie sind technisch und grafisch meist sehr gut, aber sie wirken irgendwie so schrecklich "kalt". Da ist irgendwie keine Seele drin und man kann nicht richtig in die Atmosphäre abtauchen.

Sinnbildlich…
Erfahrener Benutzer
Bewertung: 1
10.09.2011 18:44 Uhr
Das Problem der Crytek-Spiele ist meist folgendes: Sie sind technisch und grafisch meist sehr gut, aber sie wirken irgendwie so schrecklich "kalt". Da ist irgendwie keine Seele drin und man kann nicht richtig in die Atmosphäre abtauchen.

Sinnbildlich ausgedrückt: Während man z.B. bei einem Piranha Bytes…

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