Agatha Christie: Mord im Orient Express
Die Autoren zollen Frau Christie gebührenden Respekt. Die Rätseldesigner leider nicht.
Die clevere Antoinette ist auf Spurensuche. Hier horcht sie mit einem Glas als Verstärker die Zugabteile ab. [Quelle: Siehe Bildergalerie]
Wie kann man gleichzeitig einen schönen Tod und einen richtig miesen Abgang haben? Indem man zwar schlummernd in seinem Bettchen liegt, aber derweil von zwölf Messerstichen zerpflügt wird. So geschieht es Mr. Ratchett, einem Fahrgast des Orient-Express. Richtig, der Zug aus Agatha Christies berühmten Kriminalroman Mord im Orient-Express, den die Entwickler AWE Games in ein solides Adventure (aber ohne Bindestrich im Titel) verwandelt haben.
Vom Buch zum Spiel
Eines vorweg: Es handelt sich nicht um eine sture Adaption des Buches (das 1974 erstmalig verfilmt wurde; Hauptrolle: Albert Finney), die Autoren haben der Geschichte zusätzliche Charaktere und sogar ein erweitertes Ende spendiert! Selbst die Erzählperspektive ist anders, denn Sie spielen nicht den belgischen Detektiv Hercule Poirot, sondern eine neue Figur: Antoinette Marceau, 26 Jahre jung und glühender Fan von Poirots Abenteuern. Nach dem Mord an Mr. Ratchett geraten sämtliche Passagiere an Bord des Zuges unter Verdacht. Anders als im Buch kann Poirot die Ermittlungen jedoch nicht führen - er verletzt sich den Knöchel. Antoinette springt beherzt ein.
Die Autoren machen ihre Sache gut: Die Charaktere sind differenziert ausgearbeitet, es finden sich immer wieder Details in Gestik und Sprache. Geredet wird natürlich viel, und das ist auch gut so: Die meist treffsicheren Dialoge sind ordentlich geschrieben und vertont - anders als im Vorgänger Und dann gabs keines mehr (Wertung: 59 in Ausgabe 01/06). Am Rätseldesign hat sich wenig verbessert: Die Aufgaben sind zwar meistens mit Logik zu meistern, doch gerade im letzten Viertel des Spiels verzweifelt man an den Mengen an Items, die Antoinette ungefragt und grundlos in ihr grauenvoll umständliches Inventar packt. Das und die fehlenden Hinweise bei vielen Rätseln sorgen für Leerlauf - irgendwann nervt es, die Zugabteile stets aufs Neue abzusuchen.
Die Inszenierung entschädigt dafür ein wenig: Zwischensequenzen sind zwar technisch zum Husten, sorgen aber trotzdem für eine dichte Krimi-Atmosphäre.
